In weiter Ferne

Caryl Churchill

Autorin

Caryl Churchill, Jahrgang 1938, lebte in England und Kanada, bevor sie an der Oxford University Englische Literatur studierte. Während ihres Studiums schrieb sie ihre ersten Stücke für studentische Theatergruppen. Bis Anfang der 70er Jahre, inzwischen Mutter von drei Kindern, verfaßte sie Hörspiele, die sich durch ihre knappe Sprache, kurze Szenen sowie unkonventionelle Zeit- und Raumsprünge auszeichneten. Seit 1972 begann Churchill konsequent für das Theater zu schreiben: Sie wurde Hausautorin am Royal Court Theatre in London und begann mit den experimentellen Theatergruppen „Joint Stock“ und „Monstrous Regiment“ in Workshops Stücke wie „Objections to Sex and Violence“ (1974), „Traps“ (1976) und „Vinegar Tom“ (1976) zu entwickeln, die sich explizit mit Geschichte, Politik und Gesellschaft beschäftigten. Das frühe Stück „Light Shining on Buckinghamshire“ (1976) erforscht den englischen Bürgerkrieg im 17. Jahrhundert und die Möglichkeit einer Revolution unter den historischen gesellschaftlichen Umständen. In „Light Shining on Buckinghamshire“ wechseln die Schauspieler ständig ihre Rollen, eine Figur wird von verschiedenen Darstellern gespielt. Dieser Verfremdungseffekt überwindet die Unterscheidung in Gut und Böse, vermeidet die Darstellung von Helden- und Schurkenfiguren und konfrontiert das Publikum mit verschiedenen Sichtweisen auf das Ereignis. In ihren kurzen, gegeneinander montierten Szenen gelingt es Churchill hier, die traditionelle Darstellung historischer Stoffe auf dem Theater kritisch zu befragen und zu erneuern.

Es folgten u.a. „Cloud Nine“ (1978), eine Auseinandersetzung mit dem britischen Kolonialismus, und sechs Jahre später „Top Girls“ (1982), eines ihrer wichtigsten Stücke. Im ersten Teil von „Top Girls“ treffen sich Frauen aus verschiedenen Jahrhunderten und Ländern in einem Restaurant zum Essen, um die Beförderung von Marlene, einer Karrierefrau im Thatcherschen England, zu feiern. Der zweite Teil des Stücks zeigt in mehreren kurzen Szenen das berufliche und das private Leben von Marlene. „Top Girls“ greift ein Thema aus „Light Shining on Buckinghamshire“ auf. Es erforscht die Rolle von Frauen im politischen und ökonomischen Leben und zeigt die Unterdrückung von Frauen durch Männer, aber auch durch andere Frauen. Der Ausgangspunkt des Stücks war eine Reise nach Amerika, auf der Churchill einen neuen amerikanischen Feminismus erlebte. Im Gegensatz zu Großbritannien, wo die Frauenbewegung von dem Wunsch nach tiefgreifenden politischen Veränderungen und der Utopie eines wahren Sozialismus geprägt war, beschäftigte sich der Feminismus in den USA mit den Erfolgsaussichten von Frauen in der kapitalistischen Marktwirtschaft.

Nach „Top Girls“ schrieb Churchill u.a. Stücke über das Leben von Frauen in einem kleinem Dorf in East Anglia („Fen“, 1982) und über die Welt und das Finanzsystem der Londoner City („Serious Money“, 1987). „Mad Forest: A Play from Romania“ (1990) entstand nach einer intensiven Workshop-Phase und Recherche-Reise nach Rumänien. Es besteht aus Fragmenten, die bewußt unfertig scheinen. Die Figuren haben Angst vor dem offenen Reden über Politik. Caryl Churchill beschäftigt sich in „Mad Forest“ mit dem Fall Ceaucescus, den psychologischen Nachwirkungen jahrelanger politischer Unterdrückung und den Schwierigkeiten, eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung zu erreichen. Der Stil von Caryl Churchills Schreiben für das Theater entwickelte sich im Lauf der Jahre zunehmend zu einem sprachlich präzise ausgefeilten Minimalismus fragmentarischer Szenen, die die größeren politischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge in der Beschreibung alltäglicher Kommunikation nur noch erahnen lassen, das jedoch gestochen scharf. „Das ist ein Stuhl“ (1998) besteht aus einer Reihung kurzer, pointierter Szenen mit politischen Überschriften, die das alltägliche, oft banale Leben von Großstadtmenschen in einen gesellschaftspolitischen Kontext stellen. Churchills Stück „In weiter Ferne“ (2000) zeigt ebenfalls vermeintlich durchschnittliche Menschen in kurzen Szenen, hinter denen nach und nach größere politische Zusammenhänge aufscheinen, die am Ende in einen surrealen Krieg münden, in dem Menschen, Tiere und Naturgewalten gleichermaßen politisiert und instrumentalisiert erscheinen. Caryl Churchills experimentierfreudige und bühnenwirksame Stücke kreisen immer wieder um die Frage, was unsere Gesellschaft ist, wie sie funktioniert und wie wir sie verändern können.