badluck aleppo

Augenzeugen berichten

badluck aleppo ist ein Folgeprojekt zu unserer Produktion "badluck" vom letzten Jahr im Theater Nestroyhof Hamakom.  Der unmittelbare Anstoss kam von einigen Mitwirkenden mit Verwandten und Freunden in Aleppo, die uns sagen,  dass die Dinge anders und komplizierter liegen, als wir sie hier wahrnehmen.  Dazu kommt, dass  nach dem blitzartigen Abreissen der medialen Berichterstattung in unserem Bewusstsein eine Art schwarzes Loch entstanden ist, in das alles, was uns eben noch aufgewühlt hat, verschwindet. Es ist ein Ziel des Projekts gegen diesen Schwund zu arbeiten, nachzufragen, was er mit uns zu tun hat, und Spuren zu sichern.

Seit 2011 steht die syrische Stadt Aleppo im Blickpunkt der Medien. In badluck aleppo erzählen Augenzeugen, die mittlerweile in Österreich leben, von ihren Erfahrungen des dortigen Krieges, von komplizierten Allianzen, allgegenwärtiger Bespitzelung, Heckenschützen und der schleichenden Erosion jener Hoffnungen, die mit dem Arabischen Frühling einmal verbunden waren.  "Wie bei allen Aufständen des Arabischen Frühlings spielen soziale Medien auch in diesen Geschichten eine große Rolle. Das langsame, teure, vor allem aber vom Staat überwachte Internet ist auch Kriegsschauplatz. Bist du für das Regime oder für die Revolution: Diese Frage kann einem nicht nur mit der Pistole zwischen den Rippen auf der Straße gestellt werden. Jedes Facebook-Posting kann den Freundeskreis spalten – beziehungsweise offenbaren. Jedes Statement, das nicht der einen oder der anderen Partei recht gibt, kann als Verheimlichung der eigentlichen wahren Meinung gedeutet werden." (Der Standard)

 

Thomas Arzt
Schwarzes Loch Aleppo

Dezember 2016.

Ich sitz davor. Vor Bildern. Da wird gezeigt, was geschieht. Wird ein Ausschnitt gezeigt, von Geschehnissen, die sehr nahe gehn, muss doch nahe gehn, das Leid, das da gezeigt, die Tränen in der Nahaufnahme auch, das geht, natürlich geht das nahe. Und doch weit weg auch, weil ist weit weg. Ich rück drum näher ran, um zu begreifen, mit jeder Meldung wandert fast mein Kopf nach vor, berührt die Nase schon das Weltgeschehen, nur wird´s nicht klarer so, das Bild, die Schärfe tut fast weh, hoch aufgelöst, es verwischen jetzt Bewegungen, es zerfällt dann irgendwann. In Ecken und in Kanten. In der größten Nähe zu den Bildern sitz ich in meinem Wohnzimmer und bleib in weitester Entfernung...

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Lothar Trolle
EINE SZENE AUS ALEPPO (ODER MOSSUL ODER WIEN ODER ANDERSWO)

Eine Straße in Aleppo (oder in Mossul oder Wien oder...). Trümmer In der Nähe Schießereien. Ein etwa zwölf.- dreizehnjähriger Junge kommt durch die Trümmerlandschaft, bleibt aber dann vor einer der wenigen noch stehengebliebenen Hauswände stehen und schreibt mit Kreide (in seiner Sprache) FRIEDEN an die Wand. Da kommen (mit ihren MP 7 MASCHINENPISTOLEN) oder...) drei Soldaten der Syrischen Armee, (oder drei Soldaten der sogenannten Rebellen oder drei Tunesier aus München, die sich auf den Weg gemacht, an dem Abenteuer dieses Krieges teilzunehmen, sehen eine Weile zu, wie der Junge seine Losung an die Wand schreibt, bis einer von ihnen sagt: „Wisch das wieder weg! Und zwar dalli!“ Der Junge, nachdem er gesehen hat, mit wem er es zu tun hat, macht sich sofort an die Arbeit. Der Junge: „Einen Augenblick, das ist gleich wieder weg.“, versucht mit bloßen Händen, mit den Ärmel seiner Jacke u.ä. seine Losung zu entfernen, da ihm aber das nur unvollkommen gelingt, sagt einer der Männer: „Nimm gefälligst Wasser!“ Der Junge spuckt daraufhin an die Wand, aber auch mit seiner Spucke gelingt es ihm nicht, die Wand wieder sauber zu kriegen. Der Junge (nun schon etwas nervös) „Einen Augenblick, aber das haben wir gleich!“, spuckt erneut gegen die Wand, aber auch mit mehr Spucke kriegt er die Losung nicht weg, so knöpft er schließlich seine Hose auf und versucht nun, seine Losung „wegzupinkeln“, doch so sehr er sich auch bemüht, es kommt kein „Wasser“ und so ruft er verzweifelt: „Was soll das nun wieder. Mit dem Pinkeln hatte ich doch bisher noch nie Probleme. Bitte, einen Augenblick, es wird schon klappen“, bemüht sich und bemüht sich, aber es kommt kein „Wasser“. Da werden die Soldaten ungeduldig, einer von ihnen sagt: „Also wir zählen jetzt bis drei und wenn bis dahin die Schmiererei nicht verschwunden ist, dann...“, richten ihre Maschinenpistolen auf den Jungen und fangen an zu zählen: „Eins...“. Der Junge bemüht sich noch angestrengter zu pinkeln, ruft: „Jetzt! Jetzt! Gleich kommt`, aber da nichts passiert, zählen die Männer weiter: „Zwei...“, sagen „Und unsere letzte Zahl heißt...!, und geben sich hinter dem Rücken ein Zeichen und schleichen, ohne daß der Junge das bemerkt, davon. Der Junge, der das nicht bemerkt hat bemüht sich weiter. Der Junge: „Aber jetzt, jetzt kommt`s! Gleich kommt`s. Einen Augenblick und hier sprudelt der reinste Wasserfall!“ Der Junge bemüht sich und bemüht, aber kein „Wasser“ kommt, so ruft er verzweifelt: „Nun machen Sie schon und schießen Sie! Oder meinen Sie, ich habe vor dem Tod Angst“ Nun drücken Sie schon ab und schießen Sie!“, und fängt nun selber an zu zählen: „Drei! Und Schuß! Nun was ist, auf was warten Sie noch!“, zählt weiter: „Vier...fünf...sechs!“ Drückeberger werden liquidiert! Und Feiglinge haben hier nichts verloren! Sieben… Acht...“

 
25., 26.02. & 28., 29.03. & 23., 24.04.2017
20:00 Uhr

Eintritt: freie Spende zugunsten der mitwirkenden SyrerInnen

 

mit: Hosam Zaarour, Omar Al Shaar, Mohammad Marash, Wael Ibraheem, Alaa Gamian, Khaled Aga, Mohammad Abram

Katherina von Harsdorf spricht den für diesen Anlass geschriebenen Text “Schwarzes Loch Aleppo” von Thomas Arzt

Musik: Orwa Saleh - www.orwasaleh.net, Basma Jabr

Ein Projekt von Karl Baratta, Natascha Soufi und Thomas Bischof
PR und Foto: Astrid Stelmann, Oliver Zehner
Dramaturgische Mitarbeit: Yvonne Zahn

Eine Koproduktion mit dem Theater Nestroyhof Hamakom

 

 

 



 Mit freundlicher Unterstützung von

SMN Investment Services GmbH

 

Bezirk Leopoldstadt

 

 
 

Theater Nestroyhof - Hamakom • Nestroyplatz 1 • 1020 Wien • T +43 1 8908836 • F +43 1 8908836 - 15 •