A-1020 VIENNA, NESTROYPLATZ 1
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STÜRMISCHE JAHRE 1898-1938

Der Nestroyhof, ein Jugendstilzinshaus am Nestroyplatz 1 in Wien wurde 1898 vom jüdischen Wiener Architekten und zionistischen Wegbegleiter Theodor Herzls Oskar Marmorek erbaut. Die für diese Zeit neuartige Mehrzweckstruktur des weitläufigen Gebäudes bestand aus Wohnungen, Büros, einer Bierhalle und einem Theatersaal mit 300 Plätzen. In dem im unteren Teil des Hauses befindlichen Theater wurde 1899 das ‚Etablissement Nestroy-Säle’ eröffnet.

Das Gebäude befindet sich an der Praterstrasse der zentrumsnahen Leopoldstadt, dem zweiten Wiener Bezirk, der um die Wende zum 20. Jahrhundert ein Zentrum einer lebendigen Vergnügungs- und Theaterszene war. Der Name Nestroyhof wurde inspiriert durch das gegenüber liegende 'Carltheater', das von Johann Nestroy geleitet wurde. Nestroy war maßgeblich an der Entwicklung der Leopoldstadt zum Theaterbezirk beteiligt.

Die für die Wende zum 20. Jahrhundert neuartige Etablierung der jüdischen Theaterkultur blieb weitgehend dem traditionell jüdischen Wohnbezirk, der 'Mazzes-Insel', vorbehalten. Dort formierten sich jiddischsprachige Ensembles, Kabaretts und Kleintheater und brachten Stoffe aus den jüdischen Lebenswelten Wiens und des Ostens auf die Bühne. Das neue Selbstbewusstsein jüdischen Kulturlebens traf auf die Traditionen von Wiener Kasperl und Wiener Posse und daraus entstand eine völlig neue Theatersprache. Das Aufeinandertreffen der Kulturkreise in der Disposition einer 'Gegenkultur der Vorstadt' machte den Reichtum dieses Bezirks aus.

"Wenn ein Fremder vor zehn oder zwanzig Jahren auf einen Katzensprung nach Wien kam und nach einer ausschließlich dieser Stadt zugehörigen künstlerischen Sehenswürdigkeit fragte - man dachte nach, zuckte die Achseln und sagte: Das Burgtheater. Wenn heute jemand an den Schreiber dieser Zeilen die gleiche Frage stellte, so würde ihm dieser unbedenklich erwidern: Die Theater in der Leopoldstadt" (Anton Kuh, Wien, 1924)

In der Leopoldstadt war erlebbar, dass Wien eine Metropole ist, die sich über ihre kulturelle Vielfalt und Wirklichkeit selbstbewusst manifestiert. Künstler, wie Arthur Schnitzler, reagierten darauf, ließen sich inspirieren von dieser neuen, mehrsprachigen Kulturlandschaft des 'Armen Theaters' – mit seinen authentischen Wegen zu Spielweisen, die sich nicht aus dem Intellekt eines bürgerlichen Ambientes nährten. Oskar Kokoschka wurde von seinem Freund Karl Kraus in die 'Jüdische Bühne' zu einer Aufführung von Hamlet in Jiddisch mitgenommen und vermerkte begeistert:

“Hamlet ich sehe ihn heute noch, und diese hoch-busige Ophelia mit einer aus dem Herzen kommenden Stimme, die ihre Abschiedsarie sang während der edle Prinz aus Dänemark per Schiff nach England fuhr. Das Schiff ein hölzernes Kinderspielzeug an einer langen Schnur wurde über die Bretter gezogen...Die Musik und Tanzeinlagen, die Solonummern und die Duette waren von einer solchen theatralischen Verve, das man nicht wusste ob man weinen oder lachen soll, eine chassidische Ekstase, ein Sich-Vergessen, wie ich es nur bei den tanzenden Derwischen später erlebt habe.“

Das Theater im Nestroyhof schrieb sich ohne fassbare Linearität dem Geschehen an diesem Ort ein, an dem unterschiedliche Theatergruppen ihren Beitrag zum internationalen, modernen Großstadtleben leisteten.

Nach dem Bankrott des ‚Etablissement Nestroy-Säle’ wurde das moderne Variététheater ‚Folies Comiques’ eröffnet; Im ‚Trianon’-Theater im Nestroyhof hat unter anderem Karl Kraus ‚Die Büchse der Pandora’ von Franz Wedekind zur österreichischen Erstaufführung gebracht. Zum später gegründeten ‚Theater Reklame’ wurden in Nebentrakt des Gebäudes ein Lichtspieltheater und im Keller die ‚Tanzbar Sphinx’ eingerichtet, die beide bis zum Fall von Stalingrad 1942 existierten. Von 1904 bis 1918 leiteten Emil Richter-Roland und Oscar Friedmann das ‚Intime Theater’, eine literarische Kleinbühne, die österreichische Erstaufführungen von Gorki, Strindberg oder Maeterlinck, und später auch französische Lustspiele unter Emils Gattin Josefine produzierte. Aufgrund staatlicher Zensuren und Krisen konnte der Nestroyhof phasenweise auch nicht bespielt werden. Von 1927-1938 leitete Jakob Goldfliess die ‚Jüdischen Künstlerspiele’ im Nestroyhof, und fokussierte sein Programm zunehmend auf Themen des Antisemitismus. Er gewann renommierte jiddischsprachige Schauspieler und Ensembles für Auftritte und organisierte Gastspiele u.a. des ‚Jüdisch-Akademischen Theaters’ aus Moskau, den ‚Budapestern’ oder des hebräischsprachigen Ensembles ‚Habima’.

 

VERSCHWUNDENE JAHRE 1938 - 1997

Der ‚Anschluss’ im Sommer 1938 brachte das Ende der 'Jüdischen Künstlerspiele' sowie des gesamten jüdischen Theaterlebens in Wien. Im Jahre 1940 wurde das Haus Nestroyhof arisiert und an die Industriellenfamilie Polsterer vergeben. Ab Sommer 1941 zog die „Exl Bühne“ mit einem Spielplan in den Nestroyhof ein, der sich vorrangig auf ein bäuerliches Idyll konzentrierte. Schließlich wurde das Theater 1944 aufgrund der in Wien allgemein verordneten Theatersperre endgültig geschlossen.

Nach dem Krieg führte 1952 ein Restitutionsverfahren zu einer außergerichtlichen, heute umstrittenen Einigung zwischen den Erben der letzten Besitzerin Anna Stein und der Familie Polsterer, in deren Besitz sich die Liegenschaft bis heute befindet. Das im Krieg beschädigte Haus wurde "…aus Fondmitteln des Bundesministeriums für Handel- und Wiederaufbau in den Jahren 1956/57 unter dem Bundeskanzler Ing. Julius Raab wiederhergestellt." In der Folge wurde das Theater im Haus Nestroyhof von den Eigentümern bis zum Jahre 1997 an mehrere österreichische Supermarktketten vermietet. Nach deren Auszug wurden die eingezogenen Zwischenwände entfernt und die außergewöhnlichen Theaterräumlichkeiten wiederentdeckt, die in einer schicksalhaften Ironie gerade durch die zweckentfremdete Nutzung unbeschädigt geblieben waren.

 

WIEDERENTDECKUNG DES THEATERS 1997 – 2007

Nach der Wiederentdeckung setzten sukzessive Bestrebungen zur Wiederherstellung dieses Kulturraums ein.

Ein Miteigentümer der Nestroyhof Liegenschaft, der Wiener Martin Gabriel, erwirkte von seiner Familie ein so genanntes Präkariatsrecht, das zwischen 2004 und 2007 ermöglichte, die Theaterräumlichkeiten des Nestroyhofs für kulturelle Zwecke zu nutzen. Gabriel bot in dieser Zeit Künstlern aus der Wiener Theater- und Kunstszene die Möglichkeit, den Raum mit verschiedenen Projekten zu bespielen; einige von ihnen unterstützten im Gegenzug den Versuch der Reaktivierung des Theaters mit großem Einsatz.

Neben Veranstaltern, die den Nestroyhof rein aufgrund der Außerordentlichkeit des Raumes nutzten, wurden manche Regisseure und KulturinitiatorenInnen inspiriert durch die jüdische Geschichte dieses Ortes, und bezogen sich auf ihn mit ihren mannigfaltigen Produktionen um Themenkreise wie Emigration und Diaspora, Rassismus und Ausgrenzung.

RegisseurInnen und KulturinitiatorInnen (Theatercombinat, Thyssen-Bornemisza Art Contemporary Foundation, Markus Kupferblum, Robert Quitta, Wiener Wortstaetten, Milli Segal, Susanne Höhne, Deborah Gzesh, Frederic Lion u.a.) bezogen sich auf den Ort mit Produktionen um Themenkreise wie Emigration und Diaspora, Rassismus und Ausgrenzung.

Die positiven Reaktivierungsinitiativen für das Theater gestalteten sich indessen aus mehreren Gründen nicht einfach. Die nicht eindeutigen gesicherten Miet- und Nutzungsverhältnisse verunmöglichten eine langfristige konzeptionelle und wirtschaftliche Planung. Zudem fehlte es an einer klaren organisatorischen und vor allem künstlerischen Leitung, sowie an inhaltlicher Profilierung des Projekts 'Theater im Nestroyhof', die ein gleichermaßen konsequentes wie gewagtes Konzept vorgegeben hätten. Dadurch waren weder inhaltlich programmatische, strukturelle und kommunikative Maßnahmen möglich, noch Grundlagen gegeben, die zu Entscheidungen der öffentlichen Kulturverantwortlichen führen hätten können.

In dieser Situation wurde auf der einen Seite großes öffentliches Interesse für den Nestroyhof als 'lebendes' Theater und als kulturelles Erbe dieser Stadt geschaffen, andererseits aber entstand innerhalb des Nimbus der inhaltlichen Ungeschlossenheit des Projektes und der noch nicht festgelegten Haltung der Behörden ein diffiziles Bewusstsein von diesem Ort.

Eine andere Initiative im Zusammenhang mit den jüngsten Ereignissen um den Nestroyhof startete der in Wien lebende Amerikaner Warren Rosenzweig. Seine Organisation 'Jewish Theater Austria' widmete sich ebenfalls der Idee eines Theaters im Nestroyhof und trug mit Aufklärungsarbeit zum Geschichtsbewusstsein für den Ort bei. Rosenzweig erhob den geistigen und realen Anspruch an einer im Idealfall mit öffentlichen Mitteln finanzierten, eindeutigen Besetzung des Nestroyhofs, als historisch gerechtfertigten und ultimativen Ort für ein 'Jüdisches Theater'. Auch diese Initiative entbehrte einer realistischen Möglichkeit für die Entwicklung des Nestroyhofs, weil es zu keiner Einigung mit den Hauseigentümern kam, und die absolute Forderung eines zwangsläufigen Rechtes keine kulturelle, intellektuelle oder gesellschaftspolitische Debatte zuließ.

Ende 2007 zeichnete sich ab, dass auch die Tatkraft aller Aktivitäten im neuen Jahrhundert die Bestimmung dieses Ortes nicht wirklich in Gang setzen hatten können. Die Situation verschärfte sich, weil neben anderen Schwierigkeiten inzwischen hohe Betriebskosten entstanden waren, die die Mehrheitseigentümer nicht zu übernehmen gewillt waren, und die sie bewogen Martin Gabriel das Präkariatsrecht aufzukündigen. Eine Beendigung der kulturellen Nutzung zu Gunsten einer kommerziellen Verwertung der Räumlichkeiten wurde angedacht.

 

NEUINITIATIVE IM JAHR 2008

Im Mai 2008 startete eine neue Initiative, der es mit privaten Fördermitteln gelang, mit den Miteigentümern ein unbefristetes Mietverhältnis für die Nutzung der Theaterräumlichkeiten einzugehen und sie so vor der neuerlichen Zweckentfremdung zu retten. Dazu wurde eine Gesellschaft gegründet, die für das Projekt ‚Theater Nestroyhof Hamakom’ die Räumlichkeiten und eine entsprechende Grundinfrastruktur zur Verfügung stellt. Die Gruppe Theater Nestroyhof Hamakom unter der Leitung von Frederic Lion und Amira Bibawy entwickelte daraufhin ein Konzept zur gesamten Bespielung des Hauses und seiner längerfristigen Reaktivierung in die Wiener Theaterlandschaft. Dieses Konzept wird für die Zeit von September 2009 bis Dezember 2013 vom Kulturamt der Stadt Wien gefördert. Die Initiative bemüht sich auch um die Realisierung der längerfristig notwendigen Restaurierung des Theaters und erhielt dazu einen Baukostenzuschuss von der Stadt Wien.

  

BAULICHE MASSNAHMEN

Die Stadt Wien ermöglichte mit einem Baukostenzuschuss von 400.000 Euro einen wesentlichen Fortschritt in den Maßnahmen zur Renovierung bzw. der Verbesserung der Infrastrukturbedingungen der Theaterräumlichkeiten. Die Leitung des Theater Nestroyhof Hamakom möchte betonen, dass es sich bei den baulichen Maßnahmen um eine Verbesserung der Optionen des Theaterraumes und um eine längerfristige Erhaltung der historischen Räumlichkeit geht. Wir freuen uns in diesem Sinne mit dem Architekten Prof. Gregor Eichinger und auf Beratungsebene mit Jean-Guy Lecat arbeiten zu dürfen.

  

IN PROGRESS

Das Theater Nestroyhof Hamakom befindet sich seit dem Neustart 2008 ‚in progress’, in einer Phase also, in der Projekte, deren Umsetzungs- und Kommunikationsrahmen, sowie haustechnisch notwendige Arbeiten und Unterstützungsmöglichkeiten, auch in offener Zusammenarbeit mit professionellen und kreativen Unterstützern entwickelt werden. Während dieser Aufbauphase wurden mehrere Projekte realisiert; im September 2009 startete das Haus seine erste Saison mit einem regelmäßigen Programm. Wesentlich dabei ist jedoch, dass der Ort auch weiterhin in seiner inhaltlichen und konzeptionellen Ausrichtung dem ‚in progress’-Gedanken eng verbunden bleibt.