PRESSEREAKTIONEN

ORGIE

"...Fest steht: Im Wiener Theater ist derzeit nichts von vergleichbarer Intensität zu sehen..." (Martin Thomas Pesl, nachtkritik.de)

"...So muss Theater sein. Auf ins Hamakom!" (Michaela Mottinger, mottingers meinung)


IN WEITER FERNE
nominiert für den Nestroypreis "Beste Off-Theater-Produktion 2016"

"... Anzuzeigen gilt die Entdeckung einer neuen, wunderbaren Regisseurin. Ingrid Lang lässt sich auf Caryl Churchills Ästhetik der Weglassung mit durchaus kühler Präzision ein... Das Theater Hamakom im Nestroyhof aber ist zur Stunde die vitalste Mittelbühne in Wien..." (Der Standard, 07.04.2016)

"...Caryl Churchills kurze negative Utopie wird von Ingrid Lang eindringlich inszeniert... ...Die Entmenschlichung wird in der eindringlichen Inszenierung lakonisch präsentiert, drei Schauspieler bieten bestes absurdes Theater..." (Die Presse, 08.04.16)

"... Johanna Wolf spielt sie mit hoher Intensität, eindringlich gestaltet sie eine naive Aufgewühltheit ob der gesellschaftlichen Zustände, die sich in Abscheu und Zorn verwandelt... ... Inge Maux changiert bravourös zwischen betulich und bedrohlich, während ihr immer wieder neue Lügen einfallen... ... Matthias Mamedof. Der ist ein Aufbegehrer, ein Aufwiegler, über die Gewerkschaft spricht er und über gerechte Arbeitsbedingungen und darüber, dass er nächtens im Fernsehen „die Prozesse“ verfolgt... " (mottingers meinung, 07.04.16)


DUNKELSTEIN

"... In Frederic Lions behutsam verfremdender Inszenierung wird man zum Lachen gereizt, gleichzeitig zu Boden geschmettert. Man darf zudem von der Entdeckung eines blitzgescheiten, mit Szenen und Sätzen jonglierenden Gegenwartsdramatikers berichten. Er lautet auf den Namen Robert Schindel..." (Der Standard)

"...Gruner beeindruckt als Hauptdarsteller und versucht, sich jener Ambivalenz der historischen Figur anzunähern, die auch in Lanzmanns Film gut herauskommt: Ein aufbrausender, wenig Empathie ausstrahlender Mann, der sich seiner Macht durchaus bewusst ist und mit den NS-Größen auf Augenhöhe verhandelt..." (APA)

"...Ein unter die Haut gehendes Mosaik aus dem Nazi-Wien. Dunkelstein im Hamakom, eine Empfehlung..." (Barbara Mader, Kurier, 03.03.2016)


FLUCHT

"...Das Stück der israelischen Schauspielerin Sara von Schwarze in einer eigenartigen, aber interessanten Inszenierung von Michael Gruner. Er arbeitet mit Verfremdungseffekten, was den harten Wortwechseln in diesem realistischen Text oft eine unerwartete Komik verleiht...." (Der Falter, 11.03.2015) - Von der Falter-Redaktion empfohlen! *


"... Gruner hat hoch gepokert und fast alles gewonnen: Aus Papier schöpft er lebendiges Theater. Drei wunderbare Darsteller bringt er zum Erblühen..." (Der Standard,03.03.2015, Ronald Pohl)

"... Eine tiefe Verbeugung vor Michael Gruner. Er inszenierte im Theater Nestroyhof Hamakom Sara von Schwarzes “Flucht” und erzeugte mit und durch die Protagonistin Ruth Aggressionen, die den Blutdruck in ungesunde Höhen trieben. Ein Verdienst der fabelhaften Schauspielerin Ingrid Lang, die die Provokation der Autorin gekonnt umsetzt..." (www.mottinger-meinung.at)

"... Man sollte die tollen schauspielerischen Leistungen aller genießen, sich auf den ruhigen Fluss des Geschehens einlassen und versuchen, bei den sich permanent wechselnden Identitäten ruhig Blut zu bewahren und nicht krampfhaft alles und jedes zu hinterfragen. Die Mischung aus Krimi und Familiendrama oszilliert ständig zwischen diesen Gattungen und kulminiert schließlich in einer unerwarteten Wendung am Ende...." (www.european-cultural-news.com)

 

ZWISCHENZEIT

"[...] Die Bilder entstehen beim Zuschauer im Kopf. Und dafür sorgt vor allem das großartig besetzte Vierer-Ensemble. Weniger ist hier viel mehr."
(Kurier, 21.11.2014)

"Er [Hans Escher] legt eine filigran gedachte Inszenierung vor, die den kleinsten falschen Regungen auf der Spur ist [...]. Schön."
(Der Standard, 19.11.2014)

"Die Verstrickungen der Figuren werden […] in einem gekonnten Mix aus epischen und szenischen Motiven aufgelöst - angenehm unaufgeregt."
(Wiener Zeitung, 19.11.2014)

Vorbericht auf Ö1 mit Interview Azar Mortazavi

 

CARAMBOLAGE

"Vielversprechender Beginn für Regisseurin Anna Maria Krassnigg und ihren Salon5 im Nestroyhof Hamakom: “Carambolage” ist ein kluges Endspiel zwischen Mutter und Sohn auf der Kommandobrücke eines Medienimperiums."
(Kurier)

"„Carambolage oder der schwarze Punkt“ ist ein bitterböses, tiefes, berührendes und zeitabbildendes Drama. … Sätze wie Messerschnitte, Charaktere so verletzt, hart, grausam und unbeholfen wie im richtigen Leben und ein enigmatisches Wesen, eine permanent zum Showdown führende Handlung, ohne die Möglichkeit einmal Luft holen zu können – darin liegt Kraft aber auch Verstörungspotenzial. Das ist harter Tobak. Krassnigg verabreicht ihn – beinahe möchte man sagen – perfide in einer überaus lyrischen Bildsprache. In einem Wechselbad zwischen High-Speed und ruhigen, langsamen Momenten."
(European Cultural News)

"Im Zentrum der Macht steht hier eine Königin: Dornstrauch, Leiterin eines Medienimperiums und von Isabella Wolf wunderbar verknöchert und mit Angela-Merkel-mäßigen Hänge-Mundwinkeln gespielt. … Enrique will die alten Machtstrukturen überwinden – inklusive seiner Mutter. Von Bargen spielt ihn so brutal überzogen als exaltiertes Bürschchen mit lackierten Fingernägeln und Lidschatten, dass für die anderen Figuren kaum mehr Platz zu sein scheint."
(Der Standard)

"Nach ihrem großen Erfolg “Camera Clara oder Wie man leben muss” hat Autorin Anna Poloni eins nachgelegt: “Carambolage oder Der schwarze Punkt”. … Anna Maria Krassnigg hat mit dem Salon 5 im Theater Nestroyhof Hamakom den vielschichtigen Text zur Uraufführung gebracht. Eine unheilige Dreifaltigkeit, die je weiter man in sie vordringt, umso mehr Schichten freilegt."
(MottingersBeinung.at)

 

DER KALTE - von Robert Schindel

"ein gelungener und absolut sehenswerter [Abend], der die richtigen Fragen stellt. Sollte man gesehen haben.
(Andrea Heinz, DER STANDARD, 28.10.2014, Kritik zu DER KALTE)

SONIA MUSHKAT

DER STANDARD, Ronald Pohl, 17.4.2014

Schlechte Ewigkeit in Saus und Braus

Meisterstück im Hamakom: Michael Gruner inszeniert das Kammerspiel "Sonia Mushkat"

Wien - Eine schwarz gedeckte Tafel steht im Saal des Wiener Theaters Nestroyhof. Kostbar geschliffene Gläser drängen sich neben Karaffen und Tellern. Zwei Schwestern tun sich an den Köstlichkeiten gütlich. Die ältere (Juliane Gruner) hat blitzende Augen. Die jüngere (Babett Arens) zupft Trauben. Die ungarischen Geschwister in Sonia Mushkat, dem neuen Stück der Israelin Savyon Liebrecht, sind daran gewöhnt, im Luxus zu schwelgen.

Man könnte das Heim der Mushkats paradiesisch nennen, mäße es nicht nur wenige Quadratmeter. Der Traumpalast der Familie Mushkat ist ein einfaches Kellerverlies. In ihm harren die jüdischen Schwestern Lidia und Paula der Erlösung durch das Ende der Naziherrschaft. Ein befreundeter Anwalt hat das Versteck eingerichtet; er möchte die Juden vor der Deportation und dem sicheren Untergang bewahren. Ehe es aber so weit ist und die Deutschen abgezogen sind, macht sich die kleine Sippe, verstärkt durch ein vierschrötiges Mädchen vom Land (Katharina-Sara Huhn), das Leben gegenseitig zur Hölle. Die Hölle, das sind die anderen.

Der dauerbesoffene Sohn (Dominik Raneburger) torkelt im Frack zur Mama. Er begreift nur ganz allmählich, dass es mit der Freiheit vorbei ist. Der resoluten Tante (Arens) greift der Tunichtgut auf den Busen. Die Mutter aber ist die Unterdrückerin als Fee. Ein Gespenst der herrschenden Klasse, das seine Angehörigen ausbeutet, ohne dabei jemals den Glanz der Märchenfigur zu verlieren.

In der von Regisseur Michael Gruner meisterlich eingerichteten Erstaufführung von Sonia Mushkat kommt die Familie als vermeintlicher Hort der Geborgenheit nicht zur Ruhe.

Zugleich stellt Gruner das Stück in den größeren Zusammenhang der Moderne. Pausen strukturieren den Dialog, Blackouts fallen dem Text ins Wort. Immer wieder erstarren die Figuren zu Salzsäulen. Im Verborgenen gedeiht ein dunkles Geheimnis, das mit der Herkunft von Sonia zu tun hat, der Bedienten. Sie ist ein Früchtchen vom gleichen Stamm wie ihre Dienstgeberinnen.

Der schwächliche "Herr des Hauses" macht ihr prompt ein Kind. So findet man unausgesetzt die Spurenreste ehrwürdiger Motive wieder. Den Inzest und das Wälsungenblut; die Fantasie vom ewigen Aufenthalt "hinter verschlossenen Türen". Liebrecht hat selbstverständlich ihren Jean Genet studiert, ihren Sartre. Auf der kahlen Richtstätte der Familie Mushkat (Raum, Statisterie: Lydia Hofmann) sind mehrere hinreißende Schauspieler zu bewundern. Die Krone gebührt Juliane Gruner. Die Schwestern aber erinnern sich an die Tage der Gefangenschaft. Sie schlürfen Portwein und käuen die Kindheit wieder. Sie sind Monster und Doppelwesen. Dem Naziterror entronnen, feiern sie ihre Befähigung zur Täterschaft. Große, zu Recht akklamierte Kunst.


DIE KOMMANDEUSE und COVERGIRL

Der Standard, 02.05.2013, Gil:
Die Gründe weiblicher Täterschaft


Zwei Frauen begehen Verbrechen, deren Grausamkeit Entsetzen auslöst. Die eine, Ilse Koch, stiftet als Frau des Kommandanten des KZ Buchenwald zu Körperverletzung und Mord an, die andere, US-Army-Soldatin Lynndie England, verkörpert durch ihre Beteiligung an der Folter von Irakern im Gefängnis von Abu Ghraib das böse Amerika. Zwei sehenswerte Monologe an einem Abend mit dem Übertitel "Täterinnen!" hinterfragen im Theater Nestroyhof Hamakom Herkunft und Verhaltensmuster weiblicher Täterschaft.

Barbara Gassner versteht es auf hervorragende Weise, das "Covergirl" Lynndie England darzustellen. Sie zeigt die knapp 21-jährige Frau, deren Fotos mit Häftlingen an der Leine 2004 um die Welt gingen, impulsiv und wechselt gekonnt zwischen männlichem Kriegsgehabe, unterwürfiger Frau mit Blondhaarperücke und mütterlicher Fürsorge. Der Text von Barbara Herold erzählt die Geschichte einer Durchschnittsamerikanerin, die sich, inspiriert von Actionkriegsfilmen, früh für die Army begeisterte, sich bei Eintritt in den vor Männlichkeit strotzenden Vorgesetzten verliebt, völlig unvorbereitet in den Irakkrieg abkommandiert wird und sich auf perverse und menschenunwürdige Spielchen einlässt. Regisseurin Barbara Schulte inszeniert reduziert und stimmig.

Verwelkte Eichenblätter oder Asche fallen nach der Pause. In "Die Kommandeuse" von Gilla Cremer ist es wiederum die Schauspielerin, die brillant das verbrecherische Verhalten einer Sadistin und Uneinsichtigen nach und nach offenlegt: Ingrid Lang als Ilse Koch rezitiert in altertümlich-aufreizender Unterwäsche (Kostüm: Sabine Volz) deutsche Dichtkunst, besingt Natur und Vögel und reitet sich hoch zu Ross durch die Betten der Nazi-Eliten.

In der etwas zu lang geratenen Inszenierung von Frederic Lion steht die abermals beklemmende Frage im weitläufigen Bühnenraum, was diese sexuell gesteuerte Frau antreibt und woher ihre Überzeugung stammt, alles als Verschwörung gegen sie anzusehen. Antworten gibt's keine. Aber eindrucksvolles Theater.

APA, 27.04.2013:
Theater Nestroyhof untersucht weibliche Täterschaft in zwei Monologen
"Covergirl / Die Kommandeuse" beleuchtet Taten der Abu Ghraib-Soldatin Lynndie England und NS-Verbrecherin Ilse Koch

Viel Applaus für Schauspielleistungen
"Kennen Sie dieses Foto? Mann, nackt. Frau, Hundeleine. Kennt doch die ganze Welt." Wo Peter Weibel und VALIE EXPORT 1968 im Rahmen ihrer bekannten Kunstaktion in Andeutungen schockierten, machte die amerikanische Soldatin Lynndie England im Jahr 2004 ernst. Und weltweite Schlagezeilen, als Fotos von ihr auftauchten, auf denen sie Gefangene in Abu Ghraib demütigt und misshandelt. Dieser unfreiwilligen Antagonistin des beginnenden 21. Jahrhunderts widmete Barbara Herold ihren Monolog "Covergirl", der am Freitagabend gemeinsam mit "Die Kommandeuse" von Gilla Cremer im Theater Nestroyhof / Hamakom Premiere feierte.

Wenn Frauen zu Täterinnen werden, schaut die Welt besonders genau hin, als könnte sie es dadurch besser fassen. Die Ratlosigkeit der Öffentlichkeit gegenüber weiblicher Täterschaft hat das Theater Nestroyhof / Hamakom zum Anlass genommen, zwei ästhetisch sehr unterschiedliche und in ihrer Thematik doch erstaunlich ähnliche Theatermonologe auf die Bühne zu bringen, die stellvertretend für Täterinnenschaft im 20. sowie beginnenden 21. Jahrhundert stehen. "Die Kommandeuse" von Gilla Cremer, die im zweiten Teil des dreistündigen Abends gezeigt wurde, widmet sich der Rolle von Ilse Koch, die mit dem ersten Kommandanten des KZ Buchenwald verheiratet war und nach dem Krieg zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Das mediale Interesse in beiden Fällen war groß. Größer vielleicht, als es bei Männern ist, die ähnliche Taten begehen. Und so schlägt auch Barbara Herold gleich zu Beginn ihres Textes "Covergirl", den Barbara Schulte schnörkellos, direkt und bisweilen deftig inszenierte, den Bogen zur Mutterschaft der Täterin. "Ich werde immer für dich da sein", sagt Schauspielerin Barbara Gassner gleich nach der Anfangssequenz und meint jenes Kind, das Lynndie England während ihrer Haftstrafe geboren hat. Liebende Mutter und enthemmte Sadistin - wie geht das zusammen? Gassner legt das Psychogramm der damals 21-jährigen Soldatin mit einer Mischung aus Wahnsinn, Reflexionsunfähigkeit und Geltungsdrang an und schafft es so, das Publikum in keinem Moment auf die Seite der Täterin zu ziehen. Mitleid bleibt ausgeschlossen, Verständnis für ihr Handeln ebenso.

Deutlich verführerischer ist da schon Ilse Koch, deren Biografie ebenfalls von Narzissmus, Sadismus und Schwangerschaft in der Haft geprägt war. Ihrer Entwicklung wird in Gilla Cremers Text weitaus mehr Raum (und Zeit) gegeben. Ingrid Lang muss ihre Lebensgeschichte nicht wie ihre Kollegin aus heutiger Perspektive und in Superzeitraffer erzählen, sondern darf ihr Leben in allen Farben und Abgründen vor dem Publikum ausbreiten. Das Mädel aus armen Verhältnissen, das schon 1932 der NSDAP beitritt, bald einen schicken Obersturmführer kennenlernt und mit ihm nach Buchenwald geht, um das dortige Konzentrationslager aufzubauen und zu leiten.

Ihre Schikanen gegenüber Häftlingen und ihre Anstiftung zu Morden führte nach dem Krieg zu Prozessen und einer breiten medialen Begleitung. Nestroyhof-Leiter Frederic Lion inszeniert den Text mit wenigen, aber eindrucksvollen Effekten wie einem auf einem Reifen aufgebockten Reitsattel, auf dem Ingrid Lang bedrohlich die Peitsche schwingt oder einem immer wieder einsetzenden, beklemmenden schwarzen Ascheregen aus dem Schnürboden, in dem sie schlussendlich versinkt.

Zwei Monologe, die den Versuch wagen, hinter die medial tradierten Bilder der Täterinnen zu blicken, ohne sie verharmlosen zu wollen. Das Theater Nestroyhof / Hamakom hat zwei unterschiedlich starke Texte sowie Inszenierungen in einen Abend gepackt, die einander am Ende doch gegenseitig Kraft verleihen. Besonders deutlich wird diese dank der intensiven Leistungen der beiden Darstellerinnen, die sich denn auch über viel Applaus freuen durften.

 

ANNA UND MARTHA

Die Presse, Norbert Mayer, 21.02.2013:
Dea Lohers Personal probt den Aufstand

Gastspiel im Nestroyhof Hamakom. Martina Spitzer und Maria Hofstätter zeigen in „Anna und Martha“ ihre Klasse. Das bitterböse Kammerspiel neigt zur Übertreibung.

Wenn Maria Hofstätter – bekannt aus den Filmen von Ulrich Seidl– als gehbehinderte Köchin gegen Ende von Dea Lohers „Anna und Martha. Der dritte Sektor“ von klobigen Turnschuhen auf
glitzernde High Heels umsteigt und wie auf Eis über die fast leere Bühne schleift, dann ist das bei dieser wunderbar präsenten und eigenwilligen Darstellerin höchst vergnüglich,
aber auch traurig anzusehen. Hofstätter hält als Martha das Kunstwerk in Balance.
Sie zeigt einen brutalen Versuch des Aufbegehrens und zugleich dessen Scheitern. Denn Martha hat sich zuvor mit ihrer Verbündeten, Anna, einer von der kongenialen Martina Spitzer
gespielten Schneiderin, gegen die Hausherrin gewandt. Deren Schuhe, Perücke, Schmuck werden aus einer Kühltruhe geholt. Mehrmals war aus dieser Stöhnen und Klopfen zu hören, als ob
jemand gegen Ersticken und Erfrieren ankämpfte. Das sind aber nur die Nebengeräusche, im Mittelpunkt des Spiels steht eine fuiose Abrechnung des Personals, das auf fast leerer Bühne
einen irrwitzigen Text abspult, der in dieser Regie am Dienstag in Wien zum Funkeln kam. Bereits 2001 gab es in Hamburg die Uraufführung, über den Umweg Vorarlberg ist das Stück jetzt im
Nestroyhof Hamakom zu sehen. Das Projekttheater gastiert im zweiten Bezirk mit dieser Inszenierung von Susanne Lietzow bis 23.Februar.

Hackordnung der Unterdrückten
Anna und Martha, die vom Mordversuch auch untereinander nicht lassen können, die bereits eingangs kriminell in Plastik gehüllt sind, scheinen Genets „Zofen“ entsprungen oder einem
absurden Stück von Beckett, ihr Singsang erinnert an Bernhard.
Und doch auch haben die zwei Protagonisten genug Eigenleben, um zu entzücken. Pointiert wird das Verhältnis von Herrschaft und Dienerschaft variiert, in all seiner Bösartigkeit und Hilflosigkeit. Die beiden Darstellerinnen spielen zudem kleine Nebenrollen – eine unheimliche Puppe und eine Putzfrau, die in der Hackordnung ganz unten steht, das verbale Opfer der beiden anderen Domestiken. In karikierender schwarzer Maske mit gigantischer Rasta-Frisur erzählt die Afrikanerin vom Tod all
ihrer Verwandten und bedient dabei rassistische Klischees. Diese Übertreibung wäre gar nicht nötig gewesen, allein schon der geschickt produzierte Ulk von Köchin und Schneiderin hätte gereicht.

Umrahmt wird die Aufführung von zwei Kurzfilmen, die auf die Kühltruhe projiziert werden. Im Anfang kommt zu Wort: der Herr! Ein biblischer Rauschebart bezieht von Martha Prügel, als er sich gegen ihre Segenswünsche sträubt. Am Ende steht die Flucht. Slapstick am Ufer wie aus den frühen Kintopp-Tagen. Zwei Versehrte hoffen auf ein kleines Stückchen Glück. Das werden sie aber, wie es aussieht, wieder nicht kriegen.

Wiener Zeitung, Kai Krösche, 22.02.2013
Aufstand der Aussortierten

Ein Leben lang haben sie sich gebeugt, haben die Untergebenen gespielt, für Kost und Logis und ein schmales Taschengeld ihre Haut faltig und die Hüfte krumm geschuftet. Doch damit ist jetzt Schluss: Anna, die Schneiderin und Martha, die Köchin haben ihre Herrin in eine Tiefkühltruhe verfrachtet und lassen sie dort ersticken. Weil das seine Zeit dauert, unterhalten sie sich - machen sich Vorwürfe, giften sich an, verletzen sich gegenseitig; geben sich aber auch Halt, reden einander zu, erzählen Episoden aus ihrem Leben.
Das Vorarlberger Projekttheater unter der Regie von Susanne Lietzow hat Dea Lohers 2001 in Hamburg uraufgeführtes Stück "Anna und Martha. Der dritte Sektor" mit den beiden hochkarätigen Darstellerinnen Maria Hofstätter und Martina Spitzer auf die Bühne gebracht; nach der Premiere in Vorarlberg kommt die Aufführung nun ans Theater Nestroyhof Hamakom in Wien. Mit wenigen Mitteln und sich auf das scharf konturierte Spiel der Schauspielerinnen konzentrierend, gelingt Lietzow eine intensive und mitreißende Interpretation des beunruhigenden Textes.
Hofstätter zeichnet ihre Martha als undurchschaubare, kinderlose Alte, hinter deren harter Schale sich unerfüllte Liebe und der Wunsch nach einem besseren Leben verbergen. Puppenspielerisches Talent beweist sie in der Rolle des Meier Ludwig, der in zwei kurzen, verstörenden Szenen von der Entfremdung vom eigenen Leben erzählt.
Alptraumhafter Sog
Martina Spitzer spielt ihre Anna als nervös-steife, von Neid, Missgunst und dem Schmerz über den Tod ihres Mannes und ihres Sohnes zerfressene Alte; wie sie giftet und zischt, sucht seinesgleichen. Als afrikanische Putzfrau Xana mit dunkelbrauner Wollperücke besticht sie durch ihre subtile (Körper-)Sprache. Dass bei der dargestellten Niedertracht und Hässlichkeit die Protagonistinnen dennoch als leidende, vielleicht gar bemitleidenswerte Geschöpfe zu erkennen sind, ermöglicht der beeindruckende Text, die überzeugenden Schauspielerinnen sowie die einfallsreiche Regie.
Ohne die Inszenierung zu überfrachten, schaffen Lützow und ihr Team durch am Stil alter Stummfilme orientierter Projektionen sowie den subtilen Einsatz von Musik, Licht, Puppen- und Maskenspiel einen (alp-)traumhaften Sog.
Auf diese Weise umschifft die Inszenierung gekonnt die Gefahr, Lohers Text auf ein plattes politisches Statement zu reduzieren; stattdessen werden die Zweischneidigkeit der Figuren und die stets neu verhandelten Hierarchien auf ästhetisch dichte Weise in starke Bilder überführt.

 

HABE DIE EHRE

Der Standard, Ronald Pohl, 02.03.2013:
Sitzkrieger auf Töchterpirsch

Lustig: "Habe die Ehre" im Wiener Theater Nestroyhof

Wien - Der aus Syrien stammende Dramatiker Ibrahim Amir, ein angehender Mediziner, hat den Theaterkünsten eine neue Gattung geschenkt. Sein zum Brüllen komisches Stück Habe die Ehre nennt sich im Untertitel eine " Ehrenmordkomödie". Nicht auszudenken, wenn das im koproduzierenden Theater Hamakom uraufgeführte Beispiel Schule machte. Der heimische Theaterbetrieb würde sich vor Beschneidungsfarcen und Steinigungsschwänken kaum noch retten können.
Die Idee, aus der parallelgesellschaftlichen Lebenswelt einen Komödienstoff zu gewinnen, ist jedoch bestrickend. Das Team der "Wiener Wortstaetten" hat eine Sitcom-Landschaft in den Nestroyhof hineingebaut. Vor einem Prospektstreifen aus rotem Leder (Bühne: Renato Uz) haben sich Angehörige zweier Muslimfamilien wie trauernde Hinterbliebene versammelt. Die ins Hinterzimmer verbannte Tochter des Hauses war mit ihrem Liebhaber durchgebrannt. Der gehörnte Gemahl (Marcel Mohab) und sein femininer Schwager (Boris Popovic) geben vor, den Nebenbuhler ordnungsgemäß ins Jenseits befördert zu haben. Der rückenkranke Vater (Michael Smulik) würgt an seiner Schande herum wie an einer verdorbenen Nuss.
Papa beweist aber auch untrügliches Gespür für praktisches Handeln. " Also los, du wirst sie umbringen!", bedeutet er dem Sohn die Notwendigkeit, den Stein des Anstoßes - die missratene Tochter - aus der Welt zu schaffen. Die Frau Mama (Tania Golden), eine in zermürbenden Ehejahren aufsässig gewordene Sitzkriegerin, flennt los. Das Schwungrad der Komödie beginnt durchzudrehen. Die Pistole wandert als heiße Kartoffel zwischen den Beteiligten herum, zu allem Überdruss macht die Wiener Polizei ihre charmante Aufwartung.
Regisseur Hans Escher hat sich aus guten Gründen dazu entschlossen, Amirs frechem Komödienmachwerk keinen Rabatt einzuräumen. Das interkulturelle Anliegen besteht gerade darin, die übliche Betroffenheitsheuchelei beiseite zu wischen. Klappt vorzüglich. Der in den Unterlagen genannte Quentin Tarantino aber ist weit und breit nirgends zu sehen. koproduzierenden Theater Hamakom uraufgeführte Beispiel Schule machte. Der heimische Theaterbetrieb würde sich vor Beschneidungsfarcen und Steinigungsschwänken kaum noch retten können.

Kurier, Heinz Wagner, 29.01.2013
Bitterböse, doch sehr witzig: Habe die Ehre
Das Stück im Hamakom - Theater im Nestroyhof setzt sich sarkastisch-ironisch mit dem ernsten Thema Ehrenmorde auseinander.

Habe die Ehre – ein alter Wiener Gruß. Im Grund genommen wunderbar – die Begegnung mit der/dem anderen bedeutet für eine/n selbst, die Ehre zu haben. Und dennoch wird er, so überhaupt noch, recht oft (ein bisschen) herablassend gebraucht.
Und dann ist da noch etwas: Ehre und vor allem die (vermeintlich) verletzte hat nicht selten brutale Folgen, kann bis zum Mord führen. Um Letzteren dreht sich das knapp mehr als einstündige Stück von Ibrahim Amir, das derzeit in einer Produktion der Wiener Wortstätten im Theater Nestroyhof Hamakom in Wien-Leopoldstadt zu sehen ist. Ein ernstes, hartes Thema, das hier satirisch gespielt wird. Eine Gratwanderung in der Tat. Rasch könnte es zu einem sich-drüber-lustig-machen kommen. Tut es aber nicht.

Nein, du!
Ein Teil der sarkastischen Ironie liegt schon in der Grundgeschichte. Wohnzimmer. Vater sitzt eher starr und still auf der breiten Couch, Mutter kauert auf einem Hocker in einer, der Sohn auf dem Eiskasten in einer anderen, am Tisch sitzen der Schwiegersohn und sein Vater. Die beiden sowie der Sohn – alle ohne Namen – erzählen vom erledigten (vermeintlichen) Mord am Geliebten der Tochter des Hauses. Und nun soll diese auch dran glauben müssen. Jeder redete davon dass dieser Mord zur Wieder-Herstellung der Ehre notwendig sei, doch keiner will ihn ausführen, ein anderer soll’s tun. Der Vater, der schön langsam doch zu sprechen beginnt, meint, er hätte so starke Rückenschmerzen, dass der die danach folgenden Jahre im Gefängnis nicht ertragen könnte usw…

Schräg und schräger
Mit Fortdauer des Stücks werden die Ausreden und das einander-zuschieben immer skurriler. Humorvolle Höhepunkte sind jedoch die beiden Auftritte der Polizistin und des Polizisten. Die Tochter und Ehefrau schreit im – nicht zu sehenden – Nebenzimmer, die Nachbarn riefen die Polizei. Alev Irmak und Oktay Günes haben intensiv Wiener Kieberer studiert. Ziemlich authentisch gehen sie mit den - vermeintlichen – Ruhestörern um. Ein bissl Angst einflößen und doch mit einem Schuss von Wiener Schmäh. Dabei fällt natürlich die Begrüßungsfloskel: „Habe die Ehre!“. Sie passen in die sarkastische Ironie des ganzen Stücks, sind dabei – obwohl ja nur in zwei kurzen Szenen – so etwas wie ein Schlagobershäubchen auf der Kirsche dieser doch bittersüßen Torte.
Überzeichnete Klischees
Ansonsten lebt das Stück vom guten Zusammenspiel des bunt zusammen gewürfelten Ensembles, in dem jede und jeder die jeweilige überzeichnet klischeehafte Figur genau in der richtigen Dosierung spielt. Braucht das Stück vielleicht anfangs ein wenig bis es in die Gänge kommt, so hat dies auch den Vorteil, das Publikum zunächst ein bisschen im Ungewissen zu lassen, ob das nun bitterernst oder doch satirisch gemeint sein könnte. Am Ende allerdings droht die Satire dafür ein bisschen in Komödie abzugleiten.

Humorvolles Überleben
Ibrahim Amir, in Wien lebender fertiger Medizin-Student und Autor mit kurdisch-syrischen Wurzeln hatte schon 2009 mit seinem Text einen der exil-Literatur-preise gewonnen. Gemeinsam mit den Wiener Wortstätten wurde daraus das nunmehrige Stück erarbeitet. Zum KURIER meinte er: „Diese Art, brutale Geschichten in so eigenartigem Humor darzustellen entspricht völlig mir und meinem Umgang mit tragischen Situationen. Das hab ich von meinem Großvater gelernt. Der konnte in den verzweifeltsten Momenten - und von solchen hatten Kurde_innen auch schon früher in Syrien mehr als genug - auch drüber lachen. Das heißt nicht, dass ich das nicht ernst nehme, im Gegenteil. In dem Fall die Schauspieler müssen die Situation, die Rolle total ernst nehmen, nur durch die Konstellation ergeben sich dann Wendungen und lustige Momente."

 

DER RORSCHACHTEXT

Der Standard, Peter Ender, 12.10.2012
:
Eine Schweizer Reise im Nestroyhof

Ein ungarischer Pelzhändler versucht Februar 1945 mit der Tochter durch Österreich in die - "rettende" - Schweiz zu gelangen. Überraschenderweise tut er dies, beladen mit Pelzen und in Schmalz eingelegten Juwelen, in einem eigenen Güterwagon, den er an andere Züge anzuhängen versucht; noch mehr überrascht, dass er die Grenze zur Schweiz auch erreicht.

Diese ist jedoch bewacht, Übertritt unmöglich. Zu diesem Fluchtpunkt der Geschichte werden Auszüge einer Rede des Bundesrats Eduard von Steiger zitiert, der die Abschottungspolitik verteidigte ("Das Rettungsboot Schweiz ist voll"), sowie Stellen eines Briefes einer Sekundarklasse aus dem Schweizer Städtchen Rorschach, in dem Schülerinnen verurteilt hatten, dass man so hilfsbedürftige Menschen "wie Tiere (...) herzlos in das Elend zurückstößt".

Es gibt in dieser stimmungsvollen (Theater Nestroyhof) gezeigten Produktion von Zoon Musiktheater (Regie/Buch: Thomas Desi) einige Unwahrscheinlichkeiten und unverständliche Textebenen (Musik spielt eine eher dekorative Rolle). Der Hauptstrang von Der Rorschach Text fesselt indes, und dies dank der Leistungen: so die wundervolle Mia Krieghofer als Tochter, Karl Maria Kinsky als Kriegsgewinnler mit Wiener Vorstadt-Schmierigkeit und allen voran Tristan Jorde als Hauptfigur. Die outragefreie Exaktheit, mit der er einen Menschen, auch eine Gesellschaftsschicht und eine ganze Zeit nachzeichnet, wiedererschafft, ist ganz große Kunst.

 

 

 

 

WARUM DENN GRAD EISLER

Der Standard, Ronald Pohl, 20.09.2012
Von der belebenden Wirkung der Klugheit in der Musik

"Warum denn grad Eisler" im Theater Nestroyhof 

Wien - Man wird doch noch rhetorisch fragen dürfen! Warum denn grad Eisler nennt das Theater Nestroyhof Hamakom seine szenische Hommage an den Jahrhundertkomponisten Hanns Eisler (1898-1962), bezeichnenderweise ohne Fragezeichen. Die Antwort fällt nach Genuss des von Anna Hauer eingerichteten Abends mit herrlichem Gesang und skizzenhaftem Bühnenspiel umso leichter. Ohne dieses kleine, hochgebildete Energiebündel namens Eisler, dessen 50. Todestages heuer gedacht wird, wäre die Sache der "Neuen Musik" bereits vor 60 oder 80 Jahren ein Gegenstand für Zahlenmystiker geblieben.

Als Meisterschüler des bürgerlichen Revolutionärs Arnold Schönberg stellte Eisler die Dodekafonie - die Lehre von den zwölf aufeinander bezogenen Tönen - vom Kopf auf die Füße. Eisler-Kompositionen, gleich ob Lied, Chor, Klavierstück oder fein ziseliertes Kammermusikwerk, erkennt man blind (wenn auch nicht taub) an ihrem süffisanten Schwung. Auch ein anderer, gewiss bedeutsamer Umstand wird im Hamakom-Theater nicht verschwiegen: Eisler war in die Wolle gefärbter Kommunist. Punkt.

Auf der kahlen Bühne steht ein Klavier (Armin Fuchs), eine Sängerin im grünen Hängekleid (Annette Fischer) stimmt einen Eisler'schen Zeitungsausschnitt für Gesang und Klavier op. 11 an.

Es "passiert" im Folgenden nicht viel an diesem hinreißenden Abend. Der Schauspieler-Sänger Raphael von Bargen gesellt sich zur Eisler-Sängerin, mit Fortdauer des Abends bekommt man auch die Mitglieder des Chors Kördölör immer öfter zu Gesicht. Das völlig irrwitzige Leben dieses Orpheus aus Wien, den es nach Berlin und anschließend in die Emigration in die USA verschlug, wird aus O-Tönen, mit viel Mut zur beredten Lücke, hastig zusammengeflickt. Der Gestus der Aussparung hätte Eisler bestimmt gut gefallen. Ebenso der Nachweis, dass Eislers Gesänge, die zumeist Vertonungen von Brecht-Gedichten sind, keiner Kommentierung bedürfen.

Wie ein Refrain jedoch kehrt die Ballade vom Wasserrad wieder. Das ähnlich geartete Lied von der belebenden Wirkung des Geldes singt von Bargen durch den Bügel einer hochgestemmten Sitzbank. Zettel flattern über die Bühne; Eislers Zitierung vor den Ausschuss für unamerikanische Umtriebe glimmt wie ein Fanal auf. In der DDR erklärt man den Komponisten der zonalen Bundeshymne zum bürgerlichen Ästheten. Bargen stellt im Alleingang Szenen aus dem inkrimierten Faustus-Buch nach. Über allen aber schwebt Eisler, das Original: das wienerisch gefärbte Organ eines Weltbürgers, eines Sendboten der Intelligenz in der Musik. Der akklamierte Abend dürfte trotz Geldsorgen noch zweimal aufgeführt werden.

 

WIR SIND DIE NEUEN JUDEN

Die Presse, Norbert Mayer, 22.05.2012
Stammtisch im Nestroyhof: „Wir sind die neuen Juden“

Kramar und Lion spießen in der Uraufführung arge Polit-Sprüche auf. Auf der Bühne liefern sie eine bemerkenswerte, scharfe Analyse des politischen Stammtischniveaus in Österreich.
Im Keller des Nestroyhofes dürfen Zuseher des Hamakom-Theaters am Montag an einem riesigen Tisch Platz nehmen. Auf dem Tischtuch aus Papier steht überall: „Aus dem Zusammenhang gerissen“. Wie ein Wirtshaus wirkt die Bühne, und tatsächlich wird dem Publikum später Bier serviert werden. Aus dem Vorhang treten Hubsi Kramar und Frederic Lion mit einem fröhlichen Schalom hervor. 80 Minuten liefern der Direktor des 3Raum- und der des Hamakom-Theaters eine bemerkenswerte, scharfe Analyse des politischen Stammtischniveaus in Österreich unter besonderer Berücksichtigung der FPÖ: „Wir sind die neuen Juden“ nennen sie diesen Abend, der vor allem aus dem Verlesen enthüllender Zitate, Videos mit FPÖ-Chef H.-C. Strache und Räsonieren über die Zustände in einem Land besteht, das anscheinend besonders gefährdet ist, dem Laster der Xenophobie und des Antisemitismus im Speziellen zu verfallen.
Die Vorführung ist minimalistisch. Dadurch wirken „Sager“ österreichischer Politiker in ihrer angehäuften Form umso stärker. Böse Sprüche sind kein Privileg der Freiheitlichen, es wurden auch schändliche Sätze der Bundeskanzler Figl und Kreisky ausgegraben, des Bürgermeisters Lueger und seines Freundes Kunschak, des SPÖ-Ministers Helmer. Ein Typ brüllte einst sogar ungeniert „Saujud“ im Parlament.
Die Ansammlung gezielter Brutalität aber, die J. Haider, der verunglückte Langzeit-Chef des Dritten Lagers, und der jetzige FPÖ-Obmann H.-C. Strache verbreitet haben, ist atemberaubend. So viel negative Energie! Der Unterschied: Haider hatte eine diabolische Lust am Wortwitz, wenn er zündelte, Strache hingegen flüchtet bei beschränkter Rhetorik gern in die Opferrolle. Das wird exemplarisch an seinem Satz „Wir sind die neuen Juden“ gezeigt, den er laut „Standard“ im Jänner beim Ball der Korporierten in der Hofburg gesagt haben soll, nachdem radikale Demonstranten Gäste attackiert hatten. Strache ein verfolgter Ersatz-Jude? Im eingeblendeten ORF-Interview spielt er ihn erbarmungswürdig. Schräg sind auch Ausschnitte aus seinen Aschermittwoch-Tiraden. Dieses Opfer traut sich alles zu. 

„Faschisten in der Maske der Demokraten“
Derbe Trinksprüche von Burschenschaftern, Vulgäres vom blauen Ideologen Mölzer, Polemiken wie die von Frau Winter gegen Mohammed, Graf gegen den Chef der Kultusgemeinde und Gudenus zu Gaskammern runden das Sittenbild ab. Als irre Ergänzung wird eine kühl von einem Schauspieler vorgetragene Rede des SS-Führers Himmler gebracht, der die Rolle von Opfer und Täter bereist 1943 umkehrte. Der Abend endet mit einer etwas eitlen Inszenierung – Kramars Aktionismus als Hitler-Parodie beim Opernball 2000 – sowie traurigen Erinnerungen Lions an eine verhinderte wirkliche Restitution. Als Fazit aber gibt es strenge Philosophen: Jeanne Hersch, Jean-Paul Sarte. Und Theodor W. Adorno. Der fürchtete sich vor der „Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten“. Nachdenklicher Applaus.

 

POTOCARI PARTY

Der Standard, Dorian Wallner, 17.04.2012:
Völkerverbindende Trauerarbeit

Österreich-Premiere von "Potocari Party" - Inszeniert hat das Stück des bosnischen Autors Almir Basovic der serbische Regisseur Stevan Bodroza

Wien - Die Aufarbeitung des Massakers von Srebrenica, bei dem über 8000 Bosniaken ermordet wurden, ist auch 17 Jahre später eine der großen Herausforderungen für die Zukunft der Region. Der Wunsch nach Völkerverständigung liegt auch der deutschsprachigen Erstaufführung von Potocari Party - Erscheinungen aus dem silbernen Zeitalter im Hamakom-Theater zugrunde. Mit Stevan Bodroza hat ein serbischer Regisseur das Stück des bosnischen Autors Almir Basovic inszeniert (für Poolparticipants). Dadurch wird schon die Aufführung an sich zum Beispiel der Annäherung zwischen den Volksgruppen. Umso schöner, dass auch die Inszenierung gelungen ist.

Potocari Party erzählt in erster Linie vom Leid Fatimas (Ana Stefanovic-Bilic), die ihren Sohn und ihren Mann im Krieg verloren hat. Doch auch andere mit dem Völkermord verbundene Personen kommen zu Wort, etwa der Waffenhändler, die in ihrer Überforderung We Are The World -singenden UN-Soldaten oder der an der Zwecklosigkeit seiner Kunst verzweifelnde Autor. Alexander Braunshör, Jaschka Lämmert, Tim Breyvogel und Gottfried Neuner schlüpfen auf der bis auf Tisch und Stühle kahlen Bühne in die verschiedenen Rollen. Der Tarnanzug macht zum Soldaten, eine Plastikschüssel zum Blauhelm (Kostüme: Renato Uz).

Während das Stück so zwischen dem Symbolischen und dem allzu Realen, dem Vergangenen und dem Gegenwärtigen hin- und her-springt, erschließen sich gleichzeitig Menschheitstragödie und persönliches Schicksal. Fatimas Mann hatte sich und seinen Sohn einst irrtümlich an mit gestohlenen Blauhelmen verkleidete Serben ausgeliefert, sie selbst erkrankt an Diabetes und erblindet.

Impulsiv, aber nie stumpf, berührend, aber ohne aufgesetztes Pathos gelingt Stevan Bodroza und den Darstellern ein intensives Stück Theater, dem aufgrund seiner bloßen Existenz trotz aller Trauer auch ein Fünkchen Hoffnung innewohnt.

 

Falter, Sara Schausberger, Nr16/2012:
Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

Wenn auf der Bühne das Massaker von Srebrenica auf dem Spiel steht, kann das sehr laut und brutal sein, obwohl man still erzählt, die Bombenangriffe nur aus der Ferne erklingen lässt, die Schläge statt MEnschen nur Tische und Stühle treffen, Kleidungsstücke als Leichen fungieren. Dem serbischen Regisseur Stevan Bodroza gelingt mit seiner Inszenierung [...] eine solch subtile Form des Erzählens. Alle kommen auf der Bühne zu Wort: Fatima (großartig: Anna Stefanovic Bilic), die im Massaker Mann und Sohn verloren hat, in Srebrenica stationierte UN-Soldaten, bosnische Paramilitärs, das Rote Kreuz, und der Autor des Stückes selbst. Ein schöner, berührender Abend.

 

ICHUNDICH

Die Presse, bp, 26.01.2012
Eine packende Faust-Paraphrase

Michael Gruner inszeniert im Theater Nestroyhof die expressionistische Sprachoper grandios minimalistisch und mit einem tollen Ensemble.

Mitten im II. Weltkrieg schrieb die expressionistische Dichterin Else Lasker-Schüler (1869–1945) eine „Faust“-Paraphrase: Faust und Satanas-Mephisto sind der Welt abhandengekommen, in der Hölle führen sie ihre hochgeistigen Gespräche weiter. Doch Unbill naht: Nazi-Größen erscheinen, um Petroleum zu tanken – und weil sie sich so kannibalisch wohl fühlen „als wie 500 Säue“ (Goethes „Faust“) beschließen sie, die Hölle zu erobern. Das geht übel aus. Der zunächst ganz freundliche Satan vernichtet das anrückende Heer samt dessen Chefs mit Feuer und Lava. Nicht nur Göring, Rudolf Hess und Baldur von Schirach treten in diesem Schauspielgedicht auf, sondern auch die Könige Saul, David, Salomo, Gott Baal, ferner Max Reinhardt und die Dichterin selbst.

Fragmente eines einstmals leuchtenden Geistes, ätzte ein Kritiker über das Drama. Heute wirkt dieses Stück genial: Lasker-Schüler zertrümmerte Werte und Bildungskanon in einer Weise, dass Frank Castorf erbleichen müsste, und sie lässt die Welt derart spektakulär untergehen, dass Hollywood grün vor Neid würde, kennte es die fast vergessene Poetin, die, von den Nationalsozialisten aus Deutschland vertrieben, arm und einsam in Jerusalem starb. Michael Gruner hat „IchundIch“ im Nestroyhof grandios minimalistisch nur mit einer Geräuschkulisse und mit einem tollen Ensemble inszeniert. Lasker-Schülers zwischen Kalauer, Lautmalerei und shakespearehafter Lyrik wechselnde Sprache kommt exzellent zur Geltung. Juliane Gruner spielt die alternde Dichterin als irrlichternde Ophelia und eine köstlich bizarre Marte Schwertlein, die, hoch betagt, noch immer diabolische Kerle umgarnt, diesfalls Goebbels (Christian Higer).

Mehr Komik wäre erlaubt gewesen
Jakob Schneider ist als Mephisto hinreißend, ein rundlicher Phäake, der auch das Philosophieren wie ein Vielfraß betreibt. Hans Diehl trauert als Faust herzzerreißend über die Zerstörung seines geliebt-gehassten Deutschlands. Dieser Abend ist eine Entdeckung. Was Gruner bedauerlicherweise aussparte: den wahrhaft höllischen Humor dieser üppigen Minitragödie in fünf Akten, die nach dem Krieg Befremden auslöste und erst 1979 in Düsseldorf uraufgeführt wurde. Keiner lachte bei der Premiere.

Ein Quäntchen Komik wäre durchaus erlaubt gewesen. Der Film gibt sich da – siehe Mein Führer von Dani Levy mit Helge Schneider – wagemutiger als das Theater.

 

NEUROTIC LOUNGE

Der Standard, Ronald Pohl, 30.06.2011
Arm an Geld und dafür reich an Neurosen

Das Hamakom-Theater im Wiener Nestroyhof kämpft mit schmählich geringem Budget um die Wachhaltung jüdischer Theatertradition. Frederic Lion plant trotzdem mit Regiestars wie Michael Gruner und Johann Kresnik.

Man kann nicht auf Anhieb sagen, worin sich die Sexualfantasien jüdischer US-Autoren von denjenigen ihrer europäischen, eventuell nichtjüdischen Kollegen unterscheiden. Im Hamakom-Theater Nestroyhof, wo Hausherr Frederic Lion zum Saisonausklang in die Neurotic Lounge einlud, lauschte man nicht ohne stille Ergriffenheit zum Beispiel einem Harold-Brodkey-Text. In Unschuld erzwingt die Schilderung kopulativer Zweisamkeit die komplette Stilllegung jeder gehechelten Anteilnahme. Der Erzähler, abwechselnd von Lion und Schauspielerin Jaschka Lämmert gelesen, vertieft sein Interesse am Gegenüber, indem er sich (und sie) mit Mutmaßungen überschüttet: "Sie war nur aus der Perspektive der oberen Mittelschicht eine Tigerin im Bett", lautet noch eines der milderen Urteile, die der Chronist für seine schwer erregbare Partnerin bereit hält. Es ist das Hamakom-Theater selbst, das sich in Neurotic Lounge bis auf den Hof und die Holztreppe entblößt. Geforscht wird in allen Winkeln nach der "jüdischen Empathie" (Lion) in transatlantischen Liebesdingen. Im Wege eines Stationentheaters kann man sich wieder ab Herbst von Henry Roth, Michael Lowenthal oder Isaac Bashevis Singer reichlich handfest in das Reich des Eros einwinken lassen.

Installation statt Theater
Eine eher viertel- denn halbszenische Installationsarbeit wie Neurotic Lounge beschreibt leider auch das Dilemma des Hauses: Nach zwei Spielzeiten, die mehr qualitativ denn quantitativ ergiebig waren, stoßen die Nachnutzer eines alten jüdischen Vaudeville-Theaters an den Plafond. Mit den Fördermitteln von 270.000 Euro (Kulturamt) plus einigen projektbezogenen Zuschüssen des Bundes (20 bis 30.000 Euro pro Spielzeit) lässt sich das Hamakom beim besten Willen nicht kontinuierlich als Mittelbühne bespielen.
Der geborene Zürcher Lion kehrt auf Nachfrage den Pragmatiker hervor: "Man kann den Nestroyhof verschiedenartig sehen. Heuer, mit einer Größe wie Regisseur Michael Gruner im Gepäck, haben wir den Anspruch markiert, das Hamakom als Theater zu führen und zu bespielen." Zwischen 9500 und 10.000 Besucher habe man heuer an der Kasse begrüßt. Trotzdem gehen sich pro Saison gerade einmal zweieinhalb Theaterproduktionen aus.
Lion: "Wenn bei uns während zwei, drei Wochen einmal kein Theater stattfindet, so versteht das jeder. Aber wir müssen unsere Präsenz weiter unter Beweis stellen." Da sei es mit Lesungen und Salonveranstaltungen allein nicht getan: "Man kann das Haus auch als Kommunikationszentrum führen. Das wäre aber, gerade mit Blick auf die Geschichte des Nestroyhofs, ein wirkliches Armutszeugnis."

Die Saison 2011/12 steckt voller Überraschungen. Gegen jede Wahrscheinlichkeit bleibt Meisterregisseur Gruner an Bord: Seine Inszenierung von Else Lasker-Schülers IchundIch, einem schwierigen Werk aus ihrer Exilzeit, hat Jänner 2012 Premiere. Neben einem Gastspiel von Carsten Brandaus Wir sind nicht das Ende wird Lion selbst sich Sarah Kanes Zerbombt vornehmen: ein Stück über die Allgegenwart des Terrors und "über eine Intervention in den Raum" (Lion). Die eigentliche Sensation soll zum Saisonausklang folgen: Johann Kresnik inszeniert in Koproduktion mit der Volksbühne Berlin ein Joseph-Roth-Projekt - wenn alles klappt.“

 

KURIER, Michaela Mottiner, 01.07.2011
Alles, von Beschneidung bis zur Peepshow

Es geht um Sex. Eigentlich darum, was amerikanisch-jüdische Autoren darüber geschrieben haben. Und weil da „erotisch“ nicht allzu weit von „neurotisch“ ist, heißt die jüngste Produktion des Theater Nestroyhof Hamakom „Neurotic Lounge“. Hausherr Frederic Lion inszenierte die launigen, lüsternen und immer leidvollen texte und lässt sie in den Räumen seines geschichtsgebeutelt-morbiden Theaters vortragen, die man sonst nicht betreten kann. Allein das ist das Hingehen wert. Sieben Spielorte, vom Hof (wo henry Roth drankommt) bis zum „Schlitz“, gibt es, die man in selbst gewählter Reihenfolge aufsucht. Und natürlich gibt es eine Peepshow.

Juliane Gruner und Steffen Höld halten im alten Foyer eine Cross-Over-Lesung von Isaac B. Singers „Taibele und ihr Dämon“ und „Aus den Feuern“ von Jerzy Kosinski. Auf der Holztreppe singt und seufzt Lucy McEvil „Big Ruthie träumt von Sex ohne Schmerzen“ nach S.L.Wisenberg. Nur je fünf Zuschauer sind Gast dieser Performance in Hemdchen und Halterlosen, die sogar den Messias von seinen Pflichten abhalten soll.

Theater gespielt wid von Stefan Bernhard und Jaschka Lämmert auch im neuen Foyer, und teilweise auf der Straße. Was nichts ahnende Passanten erstaunt, landen sie doch bei Max Apples „Der achte Tag“ mitten in einer Beschneidungszeremonie.

Lion selbst interpretiert in der Lounge Harold Brodkeys „Unschuld“. Darin geht es in 54 Seiten um einen Orgasmus; in voller Länger gelesen dauert der drei Stunden. So lange dauert der ganze großartige Abend, der im September wiederaufgenommen wird.“

 

ICH ERSEHNE DIE ALPEN /
SO ENTSTEHEN DIE SEEN

Der Standard, Andrea Heinz, 20.4.2011
Das Jenseits ist ein Varieté

Händl Klaus' Alpen-Monologe als herausragende Installation im Theater Nestroyhof

Wien - Die eisige Höhe der Alpen ist in den Keller des Theaters Nestroyhof/Hamakom verlegt. Hier inszeniert Barbara Schulte die zwei Monologe Ich ersehne die Alpen; so entstehen die Seen des österreichischen Autors Händl Klaus als szenische Installation. Hier sehnt sich Olivia aus der städtischen Hitze in die Kühle der Berge. Hier begrüßt Bruno die Menschen in seiner hochgelegenen Einsamkeit.

Olivia (Patrick Jurowski) sitzt in einer Nische des Kellerraumes, von Gerümpel umrahmt, Staub auf dem altbackenen Anzug. Es gibt zu wenige Stühle in dem engen Raum, wer aus dem Publikum einen ergattert hat, rutscht unruhig darauf herum.

Ohne Unterlass fixiert Olivia ihre Zuhörer. "Liebe Alpen! Hört ihr mich, und könnt ihr mich verstehen? Leider weicht ihr aus." Aus dem hinteren Teil des Kellers dringen laute Rufe und Varieté-Musik, zögernd folgt das Publikum. Hier werden sie von Bruno (Barbara Gassner) erwartet. Auf zwei Bankreihen dürfen sie Platz nehmen, in ihrer Mitte geriert Bruno sich wie ein Zirkusdirektor. (Raumkonzept: Reinhard Taurer). Doch das Varieté entpuppt sich als Jenseits, statt den zwei Toten aus Händls Text wird das gesamte Auditorium zu Verstorbenen umfunktioniert. "Was müsst's ihr für liebe Menschen gewesen sein!"

Die bisweilen bedrängende räumliche Nähe zwischen Publikum und Darstellern macht die Themenkomplexe der Monologe fast körperlich spürbar: Nähe und Distanz, Wärme und Kälte, Leben und Tod. Verzweifelt will Bruno die Toten, das kühl beobachtende Publikum erwärmen, eine Reaktion erzwingen.

Barbara Schulte hat gut daran getan, die Geschlechterrollen zu vertauschen. Barbara Gassner verdeutlicht Brunos Wunsch nach Nähe mit fast schon klischeehaftem weiblichen Buhlen nach Zuneigung. Begleitet vom Mann am Keyboard (Herwig Ursin) singt sie schmachtende Jazz-Songs, verzweifelt rennt sie durch die Reihen und verteilt übervolle Schnapsgläser. "Prost! Alle Menschen sind sterblich!"

Es ist das so etwas wie die Quintessenz dieses Ganges durch die Niederungen sozialer Distanz und menschlicher Sterblichkeit: Jenseits und Varieté, ein und dasselbe. Langer Applaus für einen präzise inszenierten Abend mit herausragenden Darstellern.“

 

WEISSBROTMUSIK

APA / Wiener Zeitung, 21.10.2010:
„Alle reden von der Migrationsproblematik, ‚Wiener Wortstaetten‘ sorgt dafür, dass sie auch auf die Bühne kommt. […] Kurzweilig und aktuell […]“

Der Standard, 21.10.2010:
„Ein hochaktueller, gleichzeitig unterhaltsamer und tiefschürfender Beitrag zur Migrationsdebatte. […] Salzmanns stark musikalischer, vom HipHop beeinflusster Text, wird in der Regie von Wortstaetten-Chef Hans Escher wirkungsvoll in einem elektronischen Musikbett von DJ Sweet Susie drapiert.[…]“

Kurier, 21.10.2010:
„[…] Wortstaetten-Mitbegründer Hans Escher fungiert als Regisseur. Er lässt Claudia Kottal, Marcel Mohab, Boris Popovic, Tanja Golden und Renato Uz (als Rentner) vor rot-weiß-rotem Hintergrund spielen. Das tun die fabelhaft. Ein wichtiger, trotz allem auch witziger, teilweise gerappter Abend.“


 

DIE BANALITÄT DER LIEBE

 Die Presse, Barbara Petsch, 27.01.2011:
„Michael Gruner hat klug und einfallsreich inszeniert. Das Ensemble ist ausgezeichnet, speziell Gruners Gattin Juliane als kanitge, immer selbstbewusster werdende Hannah Arendt. […] Neuerlich empfiehlt diese Aufführung voll schlagfertiger Dialoge den Nestroyhof, in dem einst ein jüdisches Theater war, als Ort, wo in künstlerisch attraktiver Weise Vergangenheit und Gegenwart erforscht werden.“

Falter, 02.02.2011:
„Das Stück ‚Die Banalität der Liebe‘, in dem die israelische Autorin Savyon Liebrecht den Beginn und das Ende der Jahrhundertaffäre zeigt, ist dramatische Konfektionsware. Dass die österreichische Erstaufführung darüber hinausgeht, liegt daran, dass Regisseur Michael Gruner nicht nur einen guten Namen hat, sondern auch wirklich gut ist. Seine zart surreale, leichtfüßig tänzelnde Inszenierung bringt das biedere Stück zum Schweben und die Schauspieler – allen voran die irrlichternde Juliane Gruner als Arendt – zum Leuchten. Keine Frage: Das muss Liebe sein.“

Der Standard, 27.01.2011:
„Erkenntnisse glimmen auf in dieser Inszenierung, die klug zu nennen untertrieben wäre.“

APA, 26.01.2011:
„Die österreichische Erstaufführung feierte gestern, Dienstag, im Theater Nestroyhof Hamakom in einer Inszenierung von Michael Gruner Premiere und präsentierte die Geschichte der Liebe zwischen Hannah Arendt und Martin Heidegger auf angenehm unaufgeregte Weise, die zu berühren vermochte.

Juliane Gruner glänzt in dieser Aufführung als Hannah Arendt, der sie sowohl jugendlichen Duktus und eine unglaubliche Verspieltheit als Studentin zu verleihen vermag, wie sie auch eine Abgebrühtheit sowie einen Anfall von Resignation parallel zur jeder Zeit vorhandenen Bestimmtheit und Selbstbeherrschung als 69-jährige Frau vermittelt. Martin Heidegger darf in doppelter Form die Bühne betreten, Christian Higer verkörpert ihn als jungen und Hans Diehl als alten Professor, wobei beide Darstellungen sich wunderbar ergänzen und besonders eine beinahe manische Darbietung Diehls, bei der u.a. Heideggers Diskurs zur Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit wie ein Orkan aus philosophischen Versatzstücken über das Publikum hereinbricht, zu den Höhepunkten des Abends gehört. Patrick Jurowski gibt seine Vater-Sohn-Doppelrolle immer etwas entrückt, meist mit wildem Ausdruck und durchdringenden Blick.“

Der Neue Merker, 26.01.2011:
„Nun zeigt er (Michael Gruner) im Hamakom-Theater, wie glänzend er sein Handwerk beherrscht, wenn er die verschiedenen Ebenen des Stücks gleicherweise von einander absetzt wie auch vermengt und immer wieder die Zukunft die Vergangenheit kommentieren lässt. [...] Wie man unglaublich komplexe Sachverhalte geschickt, aber nicht primitiv in ein Stück Theater komprimieren kann, das Diskussionsstoff bis zum Sankt Nimmerleinstag liefert – hier kann man es erleben.“

 

SOBOL INSZENIERT SOBOL

Kurier, Michaela Mottinger:
"Sobol inszeniert Sobol: Das ist brisant und bissig

. [...] Großartig, wie Darvas dieses Monodrama, diese als Telefonate ausgewiesenen Zwiegespräche, gestaltet. Erst resignierend, flirtend und manipulativ, wenn er Gesprächspartner um den Finger wickeln will, dann triumphierend. … Sehr spannend!"

Wiener Zeitung, Klaus Huhold:
"Am Handy für die Gerechtigkeit

: Kols letzter Anruf‘ ist eine Charakterstudie. Wie Kol mit angespannten Gesichtsausdruck auf imaginäre Leute einredet, wie er schreit und reuig um Verzeihung bittet, wie er gehetzt auf und ab geht, sich durchs Haar fährt – mit ausgewogenem Tonfall, mit feiner Mimik und Gestik zeichnet Davas einen von seiner Mission besessenen Charakter, der seinem Recht nachhetzt."

Apa, Christoph Griessner:


"Im Laufe des eineinhalbstündigen Abends ergeben die einzelnen Telefonate ein größeres Ganzes und anfänglich verwirrende Einzelbemerkungen werden in dieses Bild integriert. Durch diese stückchenweise Entwicklung kann das Publikum bis zuletzt mit fiebern, ob der Hauptdarsteller seiner Strafe nicht doch noch entgehen kann. Denn auch wenn Kol sehr wohl mit schlechten Eigenschaften ausgestattet ist, so bleibt er auch aufgrund der Darstellung Darvas grund-sympathisch, da fehlbar und menschlich. Das Premierenpublikum dankte es ihm wie Regisseur Sobol mit anhaltendem Applaus."

 

TANZCAFÈ TREBLINKA


APA, Wolfgang Huber-Lang, 27.01.10:

Stakkato des Grauens im Wiener Nestroyhof

"Nicht bekannt!", "Nie gehört!". Die eine zimmert sich ihre eigene Geschichtslüge über die selbst erlebte "entbehrungsreiche Zeit" zurecht, der andere will am liebsten von alledem gar nichts hören, weder die Wahrheit noch die Lüge. Wohl niemand kann ernsthaft behaupten, dass dieser Befund von "Tanzcafé Treblinka" heute nicht mehr aktuell ist. [ ]

 

Die Presse, Martina Kugler, 28.01.2010:
Nie nichts gehörts
"Zu einem Ereignis wird das durch die beiden Darsteller: Erni Mangold – sie feierte am Premiereabend ihren 83. Geburtstag – brilliert als melancholische, zornige, naziliedersingende und mozarthörende Zeitzeugin. Kaum weniger beeindrucken kann Hanno Koffler als sprachloser, phrasendreschender, zerstörerischer – und beachvolleyballspielender Kärntner Zeitgenosse."

 

Der Standard, Margarete Affenzeller, 28.01.2010:
Kriegswinter im Jahre Schnee
"Erni Mangold läuft im langen grauen Trenchcoat und hinter einem alten Metallschreibtisch mit diesen Sätzen großartig aus dem Ruder. Mit einem Ohr folgt ihre namenlose Figur den Klängen der "Kriegswinterzauberflöte" von einst (Musik: Peter Böhm), ein Begriff, den sie hässlich nachschmeckend wie "Reichskristallnacht" aus sich herausschürft. So hart und laut, bis der Ton bricht."

 

Kurier, Michaela Mottinger, 28.01.2010:
Ein paar Anekdoten über den Massenmord
"Kofler befasst sich mit zwei Seiten der österreichischen Befindlichkeit: Der Behauptung vom Nichtsgewussthaben und dem Nichtwissenwollen. Sein Stücktitel bezieht sich auf das Klagenfurter Tanzcafé Lerch, das der frühere SS-Mann Otto Lerch in den 70er-Jahren in seiner Heimatstadt von der Justiz unbehelligt führte. Im Nestroyhof zählt nun Erni Mangold als „älterer Mann“ die Taten des Naziregimes auf. Mit der Anekdotenhaftigkeit der Ewiggestrigen reiht sie Gräuel an Gräuel, bis es unter die Haut geht. Beim jungen Mann, gespielt von Hanno Kofler, kommt die Botschaft nicht an. Er ist lieber beim Beachvolleyball und auf der Wörtherseebühne. Was nützt ihm „untotes Wissen“? Ein starker wichtiger Abend." (Kurier-Wertung: 5 von 5 Sternen)

 

Falter, Sebastian Fasthuber, 3.2.2010:
Jenseits der Erinnerung
"Frederic Lion hat Koflers Text sparsam inszeniert: ein Schreibtisch, Musik, ein paar Projektionen. Regen fällt auf die Bühne. Die Worte allein wären stark genug, um den Abend zu tragen. Die beiden Akteure tragen das ihre dazu bei, dass sich im Betrachter heftige Empfindungen – bis zum Lachen – regen, nur keine „Betroffenheit“. 80 kurze und schmerzvolle Minuten, nach denen man nicht zuletzt ein bisschen mehr weiß."

 
 

Theater Nestroyhof - Hamakom • Nestroyplatz 1 • 1020 Wien • T +43 1 8908836 • F +43 1 8908836 - 15 •