DAS DRITTE REICH DES TRAUMS
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In der Aufarbeitung des nationalsozialistischen Terrorregimes haben sich verschiedene Betrachtungswinkel gezeigt: Neben den dokumentarischen Meisterwerken eines Claude Lanzman (Shoah) und den zahlreichen Spielfilmversionen über die Protagonisten (Der Untergang), spielfilmische Dokumentationen der Opfer (Das Tagebuch der Anne Frank, Schindler‘s List, Sorstalánság, Der Pianist) hat sich auch Ironie und Humor als möglich gezeigt (La vita è bella, Train de vie, Mein Führer) bis hin zu den Entgleisungen diverser re-Aktualisierungen eines „Nazi-Chic“ oder Überschneidungen (Inglorious Basterds, Iron Sky) oder auch solchen Werken, die jene Atmosphäre der Perversion und des Terrors paraphrasieren (Il portiere di Notte, Salò o le 120 giornate di Sodoma).

Nicht nur im Kino, auch im Theater, wenn auch weniger nachprüfbar, weil theatertypisch ephemer, spielt das Thema immer wieder eine Rolle. Stücktexte von Tabori (Mein Kampf, Goldberg Variationen), Kofler (Tanzcafé Treblinka) oder Jelinek (Rechnitz (Der Würgeengel)). Dabei sind die grausamen Handlungen und tragischen Schicksale verständlicherweise dramatisch verdichtet und stilisiert worden, weil diese Ästhetisierung zur Artikulation des Unaussprechlichen verhelfen.
Zwischen den Protagonisten des Bösen an sich, den Nazis, auf der einen Seite, und den wehr- und schuldlosen Opfern auf der anderen, den Juden, spannt sich jedoch in Wirklichkeit jene riesige Masse der Mehrheit auf, die sich für Dramatisierungen denkbar wenig eignet: Mitläufer, Trittbrettfahrer, Jasager, Opportunisten, „einfache Parteimitglieder“, Karrieristen, oder nur Verängstigte, Eingeschüchterte, auch Autoritätsgläubige und Autoritätshörige. Deutsche und Österreicher, denen über Jahrhunderte hin die patriarchale Hierarchie von Kirche und Aristokratie  in die Gene übergegangen sind und die der Frage bezüglich des mangelnden Widerstandes die Tugenden von Vaterlandsliebe, Ehre, und nationalen Eifers entgegen setzen. Ihr einziges Merkmal ist es, Teil dieser Masse des „Normalen“ zu sein. Jenes „Volk“, das in seiner Gesamtheit undurchsichtig und weitgehend unbefragt von der Nachwelt blieb. Das hat sich geändert mit der weitgehend abgeschlossenen Aufarbeitung von Tätern und Opfern des Nationalsozialismus‘, die aus dieser Welt verschieden sind. Bleibt, sich – im Falle Österreichs 1938 – jenen 99,3 Prozent JA-Sagern zuzuwenden.

Hier setzt das Projekt von Charlotte Beradt ein. Als Journalistin, aus jüdischer Kaufmannsfamilie 1907 in der Lausitz geboren, erhält sie 1933 Schreibverbot, als sie ihren zweiten Mann, den Schriftsteller Martin Beradt heiratet und Träume unterschiedlichster Personen in Deutschland zu sammeln beginnt. Weder auf bestimmte Bevölkerungsgruppen beschränkt, noch einem therapeutischen Zweck dienend, zielt ihre Sammlung auf die subtilen Wandlungen im Menschen hinsichtlich der Freiheit ab. Nicht spektakuläre oder grausame Inhalte, sondern normale Alltagsträume von Menschen in einem Kontrollstaat. Der technisch-bürokratische Apparat wird zur Verhaltenskontrolle missbraucht: Ministerien, Formulare, Wächter,  Institutionen, Vorgesetzte…. Abhöreinrichtungen, Spionage und Denunziation. Reinhard Koselleck, der die Sammlung 1981 bei Suhrkamp wieder herausgab, schrieb darüber: „Wie dies nun mit Hilfe der NS-Organisationen geschieht, das wird im Traum auf beklemmende Weise deutlich. Zwang zum Mitsingen, Mitsprechen, Mitlaufen. Der Terror wird nicht nur geträumt, sondern die Träume sind selber Bestandteil des Terrors. Sie werden in den Leib diktiert.“ Sozusagen der ganz normale Bürger, die Masse der Bevölkerung, die deutschen „Väter und Mütter“, in ihrem Alltagsleben. Die deutsche Nation, gezwungen, das Absurde als Ideal zu akzeptieren.
Die Wandlung der Traumerzählungen in eine theatrale Form ist daher eine atmosphärische in erster Linie. Absurdität und Wahnsinn des Nazi-Regimes als normalen Alltag darzustellen, kollidiert mit Absurdität und Wahn im Traum. Gerade programmatisch hat es ein Nazi-Führer selbst formuliert: Der einzige Mensch, der in Deutschland noch ein Privatleben führt, ist jemand, der schläft. – Aber für diese Aussage wurde der Sprecher noch kritisiert, denn er unterschätzte die Möglichkeiten des Dritten Reichs. Auch der Schlaf war nicht mehr sicher… Charlotte Beradt emigrierte 1939 nach New York und starb dort 1986.