PHANTOM AFRIKA
/

Michel Leiris’ trotzig aufrichtige Beschreibung der Begegnung mit dem Fremden fand zu einer Zeit statt, die man heute Kolonialisierungs- oder Missionierungszeitalter nennt. Begreift man aber Leiris’s Versuch, sich das Fremde durch die (An)erkennung seiner Andersheit anzueignen, als eine grundsätzliche Suche, so lässt sie sich mühelos auf jede Art der Auseinandersetzung mit fremden Kulturen und auf alle Zeiten übertragen.

 

Denn Leiris war 1939 zum fremden Kontinent Afrika aufgebrochen, um das zu beschreiben, was das durch seine Gesellschaft geprägte Weltbild vorgezeichnet hatte. Was er jedoch vorfand, wühlte ihn auf, weil es nicht zu verstehen war mit wissenschaftlich urteilenden oder exotistisch kategorisierenden Methoden. Verliert oder gewinnt das Imaginäre an Kraft, wenn es dem Realen begegnet, fragt ein anderer Reisender, (Victor Segalen in „Aufbruch ins Land der Wirklichkeit“).

 

Indem er auf dieser Reise die eigenen alltäglichen Befindlichkeiten, seine unterbewussten Ängste und seine auftauchenden Obsessionen zuließ, gelang es Michel Leiris die ihm fremden Mächte und Phänomene, die scheinbare Irrationalität und die Magie der fremden Menschen genauer wahrzunehmen. Indem er sich seiner eigenen Phantasiewelt bewusst wurde, konnte er das Phantom, das Afrika für ihn bleiben würde, in einen Bericht über eine persönliche Geschichte fassen.

 

 

Michel Leiris wurde 1901 in Paris geboren und schloss nach kurzen Chemie- Lehrgängen das Studium der Philosophie ab. Er gehörte der intellektuellen Avantgarde im Frankreich der 30er Jahre an, war Mitglied der Surrealistischen Bewegung, und schloss sich nach einem Bruch mit André Breton, der Gruppe um George Bataille (Magazin Documents) an. Seine geistige Unruhe und Unzufriedenheit mit dem Pariser Leben veranlassten ihn schließlich, von 1931 bis 1933 an einer Forschungsmission von Dakar nach Djibouti teilzunehmen. Als ethnografischer Befrager, Sekretär und Archivar auf Marcel Griaules ambitionierter Expedition, bediente er sich Forschungstechniken der Ethnographie, um seinen Reisealltag und seine Beobachtungen zu beschreiben. Die Veröffentlichung dieses gewaltigen persönlichen Traktats seiner Berichte, L’Afrique fantôme, führte 1934 nicht nur zum Bruch mit Marcel Griaule. Leiris trennte sich auch von der vorherrschenden französischen und weltweiten anthropologischen Praxis, weil er sich der Idee einer objektiven Wissenschaftlichkeit widersetzte und seine eigene Subjektivität in die ethnographische Erzählung inkludierte. Nach seiner Rückkehr gründete Leiris 1937 mit Bataille das Collège de Sociologie als Reaktion auf die internationale politische Situation und wurde Mitglied von Jean-Paul Sartre’s Redaktionsteam von Le Temps Modernes. 1961 wurde er Direktor der ethnographischen Abteilung des Centre National de la Recherche Scientifique. Der Ethnologe Michel Leiris, der sich die Welt, die er beobachtete, auch als Poet aneignete, schrieb autobiographische, kunsthistorische, sozialkritische und philosophische Texte, die ihn in die Reihe der wichtigsten französischen Literaten des 20.Jahrhunderts einordnen.