PUBLIC RELATIONS
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LESARTEN EINER GESELLSCHAFT

Ein interdisziplinäres Projekt zu gesellschaftlichen Massenbewegungen, Parolen und Slogans

- im Rahmen des Monats der Fotografie

 

READINGS OF A SOCIETY

An interdisciplinary project of mass movements in society,

catchphrases and slogans

- within the Month of Photography

 

(please scroll down for English info)

 

[D]

Public Relations ist ein weit gefasster Begriff für die Gestaltung der öffentlichen Kommunikation von Organisationen, Unternehmen, Behörden, Ideen oder Einzelpersonen. „Yes, we can“ – drei Worte, mit denen Barack Obama seine Wähler zu einem Wechsel der herrschenden politischen Verhältnisse mobilisierte. Mit den vier Worten „Wir sind das Volk“ demonstrierten zwanzig Jahre zuvor Bürger der DDR, um den politischen Wandel im Osten herbeizuführen. Fünfzig Jahre davor lösten die Nazis im Deutschen Reich mit „Sieg Heil!“ und „Juda verrecke!“ eine Welle von Hass, Aggression und Mordlust aus. „Liberté, égalité, fraternité“ hieß die Parole, die die französische Aristokratie unter das Fallbeil der Guillotine schickte. In Österreich versuchte die FPÖ in jüngerer Vergangenheit mit Slogans wie „Daham statt Islam“ politisches Kapital zu schlagen.

 

Der Mechanismus von Parolen für politische Massenbewegungen, von gesellschaftspolitischen und kommerziellen Schlagworten, wirkt durch den extremen Pathos der Reizworte und durch eine knappe Form, die keine Differenzierung zulässt. Was aber, wenn die Zeiten der Euphorie verflogen sind und der Alltag wieder einkehrt? Yes, we can?

 

Ausgangspunkt von Christa Zauners Projekt ist die Überlegung, was entsteht, wenn man das „Yes, we can“ beim Wort nimmt, wenn man nachfragt: Was können wir tatsächlich? Ist es nur eine Phrase, die wie der Mythos vom amerikanischen Traum eine gewisse Zeit lang als Sedativ der Unzufriedenen, der Unterbezahlten und Armen dient? Muss man diese Parolen also im Sinne von Wittgensteins „Sprache ist Verhexung des Geistes“ sehen? Oder sollte man auch mit Friedrich Nietzsche die Frage stellen, ob sie nicht im Guten wie Schlimmen eine Illusion vorspiegeln (z.B. die Illusion, als einzelner Wähler tatsächlich etwas beeinflussen zu können), die jedem Handeln zugrunde liegt, es auslöst? 

 

Das Projekt setzt mit der Ausstellung einen Diskurs: Die Künstler gehen von diesen Fragen aus und suchen über die künstlerischen Interpretationen zu den Phrasen, die das gesellschaftspolitische Leben prägen und den Einzelnen manipulieren, zu einem kulturpolitischen Dialog über die unbewusste Beeinflussung anzuregen.

 

Arbeiten

PIPILOTTI RIST zeigt eine Videoarbeit, die die alltägliche Manipulation durch Werbung thematisiert: Eine Frau im Supermarkt (die Künstlerin), teils überblendet und verkleinert (das Individuum nivellierend und Störfaktoren im Bild), suggeriert den Betrachtern, dass „immer etwas gebraucht wird“ und wird so u.a. zum Anlass zur (Selbst-)Reflexion.

 

KLAUS STAECK, der seit Anfang der 70er Jahre politische Fotomontagen in der Tradition des Dadaisten John Heartfield produziert, präsentiert mit seinen Plakaten Gegenentwürfe zu politischen Parolen.

 

LICHTFAKTOR: Die beiden Künstler präsentieren an der Schnittstelle zwischen Werbung und Politik eine Installation im öffentlichen Raum, bei der sie „mit Licht in die Nacht zeichnen“.

 

EVAN ROTH & CHRIS SUGUE: Evan Roths Spektrum erstreckt sich von netz- und kulturkritischen zu medienästhetischen und analytischen Arbeiten im Bereich typografischer Animationsfilm, Medienkunst und politischem Aktivismus. Für ihr interaktives Ausstellungsprojekt haben Evan Roth & Chris Sugue eine Software entwickelt, die Schrift in Bild, Ornament verwandelt.

 

ANNA MITTERER Videofilm “Tagline” zeigt einen Dialog zwischen zwei Rollenmodellen, der ausschließlich aus Werbeslogans besteht. Die weiblich bzw. männlich konotierten Slogans sind zwei Protagonisten, einer Frau und einem Mann, zugeordnet. Das Paar versucht, subjektiv-emotional aufeinander zu reagieren, doch sein Text besteht ausschließlich aus „Taglines“ (Slogans). Die Dramaturgie dieser Worthülsen läßt einen kausalen Zusammenhang entstehen, der die Übertragung (bzw. Travestie) von Taglines in die Form des privaten Dialogs wahrnehmbar macht.

 

CHRISTA ZAUNERS großformatige analoge Foto „Anderssein“ zeigt das Porträt einer Unbekannten hinter einer schwarzweißen Stadtkulisse; ein zum Bild führender roter Teppich, rückt es in Beziehung zur medialen Praxis, bestimmte Personen  gezielt herauszustellen. Die Gewöhnung an die „Exklusivität“ Einzelner, die immer eine Ausgrenzung vieler Anderer bedeutet, wird hinterfragt. Mit der Installation „Strand“, einem in Harz gegossenen Strand mit Müll, weist Christa Zauner, dass auch das Strandgut der „Zivilisation“ nachhaltig für Produkte wirbt.

 

ROBERT KUMMER Bild „To do this funny thing“ bannt eine statische Gegenwart ein und vermag doch Bewegung dazustellen. Es umschreibt so Beklemmendes ohne zu gefährden, Erwünschtes ohne zu sättigen, Schädliches ohne zu schaden.

 

G.R.A.M. Über bewusst gewählte Ausschnitte aus der Fülle medialer Bildwelten, agiert die Künstlergruppe G.R.A.M. strategisch und betreibt ein subversives Spiel mit der Wahrnehmung von Begriffen. Die Wahrnehmung der Realität entwickelt sich dabei zu einer neuen subjektiven Realität.

 

NORA DENES Fotoarbeit stellt eine junge, unbekleidete Frau als Opfer der täglichen Informationsflut dar. Bis zum Oberkörper steckt sie in einem Haufen zerblätterter Tageszeitungen. Die druckerschwarze Schrift der Zeitungen zieht sich über ihre Arme, den Oberleib, bis hin zum Kopf.

 

JACQUES VILLEGLÉ, RAIMOND HAINES, FRANCOIS DUFRÊNE : Als „Affichisten“ lassen sich Villeglé und Haines in ihrem Décollagen von den Reizwirkungen der Strukturen und Farben von Typografie inspirieren. An Palimpseste erinnernd lassen diese Arbeiten keine einfache Lesart zu und offenbaren die Mehrschichtigkeit und Vieldeutigkeit des Kontextes, in dem jede scheinbar „eindeutige“ sprachliche Äußerung bzw. bildliche Darstellung oszilliert. Das bildnerische Werk Dufrênes besteht aus Tafelbildern, auf denen er mittels Décollage-Technik die Rückseiten von Plakatwänden darstellt, und die Vielschichtigkeit der Realität des täglichen Lebens in seine Kunst zu integrieren sucht.

 

 

[E]

Public relations is a broad term for the various forms of public communication by organizations, enterprises, public officials, proponents of ideas or individuals. „Yes we can!“ – three words with which Barack Obama mobilized voters. Twenty years earlier, with four words „We are the people!“,  the citizens of the German Democratic Republic brought about political change in Eastern Europe. Fifty years earlier the Nazis let loose a wave of hate, aggression and murder in their Monday demonstrations with the words „Sieg heil!“ or „Death to Jews!“.  „Liberté, égalité, fraternité“ were the last words heard by French aristocrats in their final moments before the guillotine fell. In a recent campaign, Austria’s Freedom Party tried to gain political capital with the slogan “At Home, instead of Islam” (Daham statt Islam)

 

These are just a few examples of how strong catchphrases and „button pushing“ vocabulary, loaded with pathos, are used by mass political movements in an extreme attempt to influence the public. Their effectiveness is attained by using short phrases excluding any possible differentiation. What happens when the euphoria dims and the exciting, passionate times are over? When the onetime criers find themselves back in the daily grind? Yes, we can?

 

The chorus of Obama voters were the impulse for Christa Zauner’s photo project; starting point for the project were thoughts about what happens when one takes the words “Yes we can” literally. When one asks what is it that we really can? Is it only a phrase, like the myth of the American dream, a temporary sedative for the unhappy, the underpaid and the poor? Should we view these catch phrases in the sense of Wittgensteins “speech is the bedevilment of the spirit”?

Or like Friedrich Nietzsche, ask whether for better or for worse, do they reflect the illusion (for instance the illusion that a single vote can influence the outcome) that each and every act counts?

 

The artists search in their interpretation of the phrases which impress upon socio-political life and manipulate individuals in the hope of awakening cultural-political debate about subconscious influences.

 

Works

PIPLOTTI RIST Shows a video whose theme is daily manipulation through advertising: a woman in a supermarket (the artist), partially obscured and shrunken (the individual trimmed down to a manageable level and disturbances in the picture) suggests to the viewer that „one always needs something“, and occasions (self-) reflection.

 

KLAUS STAECK, producing political Photomontages since the early 70’s in the Dadaist tradition of John Heartfield, Staeck answers back to the political catch cries in his posters.

 

LICHTFAKTOR: The artists present an installation at the meeting point of advertising and politics in public space in which they „draw with light in the night“.

 

EVAN ROTH & CHRIS SUGUE: Evan Roth’s spectrum stretches from network and culturally critical to media aesthetic and analytical works in the field of typographical animation, media art and political activism. For their interactive exhibit project, Roth and Chris Sugue developed a software which transforms type into picture and ornament.

 

ANNA MITTERER: Videofilm „Tagline“ shows a dialogue between two role models which consists entirely of advertising slogans. The feminine and masculine connotated slogans are divided between a female and a male acteur. The couple tries to react subjectively and emotionally although the dialogue is wholey borrowed from „taglines“. The dramatic sequence of these hollow phrases lends a causal meaning and a visible form of transference (or travesty) of taglines in private dialogue.

 

CHRISTA ZAUNER’s large sized analog photograph „Anderssein“ (Being Different) shows a portrait of an unknown person against a black and white city landscape. A rolled out red carpet leading up to the picture, a common practice in the media, signalizes the viewer to search for a certain personage in the photo. This makes the point of a habit of an exclusivity of a subject which entails their separation from all others. Zauner’s installation “Sand” , encases trash and sand indicating advertisement of a left over and long lasting product of civilisation.

 

ROBERT KUMMER’s picture „To do this funny thing“ captures a static present while also expressing movement. It describes a nightmare without danger, wishes without fulfilment, damaging without damage.

 

G.R.A.M.: Through a conscious selection of images from the flood of media visuals, the artists group G.R.A.M. plays a subversive game with the perception of terms. The sense of reality evolves into a new subjective reality.

 

NORA DENES’ photograph presents an undressed young woman as victim of the daily flood of information. She is buried up to the neck in torn newspaper. Black newsprint covers her from her arms and torso up to her head.

 

JACQUES VILLEGLÉ, RAIMOND HAINES, FRANCOIS DUFRÊNE : In their collage, “affichists” Villeglé and Haines, let themselves be inspired by the alluring effect of structure and color in typography. Reminiscent of palimpsests, the works forbid simple interpretation. They open layered and multiple interpretations of the context,  in and around which each obvious linguistic or visual expression revolves. The graphic work of Dufrênes, represents in panel pictures, the backs of which present billboard graphics in a collage technique, the variety of realities of daily life in his art.