MARTIN ARNOLD
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‚Ich arbeite mit Spielfilmszenen aus dem Volkskino. Für meine Arbeit sind deshalb die Bilder selbst sehr wichtig: Sie zeigen nicht nur bestimmte Orte, Schauspieler und Handlungen, sondern auch Träume, Hoffnungen und Tabus der Zeit und der Gesellschaft, die sie geschaffen haben.’

 

 

[SOFT PALATE.] Dies ist, kurz und vielleicht etwas heftig gesagt, der ultimative Film für all jene, die unbeholfenen Enten gegenüber besserwisserischen Mäusen den Vorzug geben. Im Fehlleistungs- und Dauerdefekt-Kino des Martin Arnold hat es seit jeher besonders viel Spaß (und Schrecken) erzeugt, wenn scheinbar kompakte Rechtschaffenheit in Loops und Rhythmusstörungen plötzlich dem hinter ihr lauernden Triebstau freie Bahn ließ: Man denke nur an das Frühstück mit Gregory Peck in PASSAGE A L’ACTE (1993). In SOFT PALATE macht nun die Verwandlung einer berühmten Zeichentrick-Maus, die im Original noch sehr niedlich und  erschöpft vor sich hingeschnarcht haben mag, ähnlichen Effekt. Hier eine suchende, tastende, reibende Hand; dort ein Gaumensegel als flatternder roter Wurmfortsatz – man könnte das als böse Zote lesen, aber wie immer in Martin Arnolds grandios komponierten Laufbildtänzen geht der „Witz“ über eine bloße simple „Pointe“ weit hinaus. In der Arbeit mit diesen animierten Sequenzen erreicht der Filmemacher eine elegante Schlichtheit, eine schnörkellose Klarheit reiner Bewegung und, wenn man SOFT PALATE als Loop wünschenswerterweise wieder und wieder sieht: Eine Trauer, die davon erzählt, dass vielen unserer Kindheitshelden eine große Einsamkeit und Melancholie innewohnt. In diesem Sinne, kurz und schon etwas weniger heftig gesagt: SOFT PALATE ist die Ehrenrettung einer Maus, die wir immer unterschätzt haben.

 

 

 

Claus Philipp