10 Jahre Hamakom

2009 - 2019

2009 öffnete das Theater Nestroyhof Hamakom mit der Produktion Small Talk/Rückkehr nach Haifa des jungen israelischen Autors Ilan Hatsor seine Pforten.

Diese Produktion war inhaltlich richtungsweisend für die kommenden Jahre. In Small Talk/Rückkehr nach Haifa geht es um ein Haus in Haifa, welches von einer israelischen, akademisch liberalen, Familie bewohnt wird. Ein unerwarteter Gast steht eines Tages vor der Tür, es ist der vor seiner Flucht ursprünglich palästinensische Besitzer der Liegenschaft. Er verlangt nicht die Rückgabe seines Hauses, aber eine moralische Anerkennung des ihm widerfahrenen Unrechtes. Die innerfamiliären Konflikte sind vorprogrammiert. Zwischen Theorie und Praxis liegen Welten.

Unsere Eröffnungspremiere 2009 legte, im Bewusstsein der Geschichte des Ortes an dem wir uns befinden, den Finger auf eine Wunde der Gegenwart und führte zu heftigen Kontroversen. Ist die Wahl dieses Stückes für die Wiedereröffnung eines ehemalig jüdischen Theaters legitim?

Die von Oskar Marmorek gebaute Liegenschaft - Nestroyhof - wurde 1940 arisiert. Die letzte jüdische Besitzerin, Anna Stein, floh nach New York. Das Theater im Innenhof des Gebäudes wurde 1938 von den Nationalsozialisten geschlossen und die SchauspielerInnen des Ensembles der Jüdischen Künstlerspiele, die es zuletzt zwölf Jahre bespielten, emigrierten und flohen aus Österreich. Nach dem Krieg geriet es in Vergessenheit und wurde unter anderem als Supermarkt genutzt.

Als wir das Theater 2009 vorfanden, waren noch alle architektonischen Wunden dieser Zweckentfremdung sichtbar. Wir renovierten das Theater bewusst nur sanft, denn die vorgefundenen Zeitspuren sind eine wunderbare Inspirationsquelle über Vergänglichkeit und Geschichte nachzudenken.

"Ein Haus ist ein Haus ist ein Konfliktsymbol" - so lautete die Überschrift der Kritik im Standard für Small Talk/Rückkehr nach Haifa. Eine romantischere Anbindung an die jüdische Tradition dieses Ortes wäre einfacher gewesen. In der Tradition der jüdischen Schauspieler und Schauspielerinnen jedenfalls, die bis 1938 unter Lebensgefahr im Nestroyhof Theater spielten und sowohl auf ihre entrechtete Situation aufmerksam machten, auch ihre eigene Identität diskutierten, liegt etwas, das jeder guten Kunst innewohnt: Unbequeme Fragen zu stellen.

An dieses Erbe knüpften wir an. Von Caryl Churchill bis zu Pier Paolo Pasolini, von Robert Schindel bis zu Albert Drach. Von Savyon Liebrecht bis zu Iwan Wyrypajew. Vom wortgewaltigen Werner Kofler zu der nicht minder sprachmächtigen Else Lasker Schüler, von René Kalisky bis zu Sasha Marianna Salzmann, um nur einige der Autoren und Autorinnen zu nennen, die unsere Eigenproduktionen prägten.

Die ästhetische Ausstrahlung dieses Ortes, Hamakom, macht Staunen - immer noch. Es beflügelt die Fantasie und fordert auf, aus der eigenen Enge auszutreten - heiter, nachdenklich und wütend zugleich zu sein. Mit seiner Ausstrahlung von Verfall, Intervention, Entfremdung, Verletzlichkeit und Pathos ist der Nestroyhof Projektionsfläche der eigenen existentiellen Wahrnehmung.

Diese Emotion teilten wir im Laufe der letzten zehn Jahre mit vielen Partnern und Partnerinnen, mit Produzenten und Produzentinnen, Künstlern und Künstlerinnen verschiedener Sparten über die darstellende Kunst hinaus, aus Österreich und international.

Über 50 Theaterproduktionen, davon 23 Eigenproduktionen, Ausstellungen, Festivals und zahlreiche musikalische Veranstaltungen lockten in zehn Jahren über 100 000 ZuschauerInnen in das vielleicht schönste Theater Wiens.

Das Hamakom ist als fester Bestandteil der Wiener Theaterszene nicht mehr wegzudenken.

10 Jahre können lang erscheinen - mitten in der Arbeit ist immer ein Anfang - und so kann sich die Existenzberechtigung dieses Theaters, trotz, oder besser wegen seines historischen Erbes, nur in der Gegenwart begründen. In der innovativen Suche heutiger gesellschaftlicher Reibungsflächen und Konflikten, in der Benennung von Unerledigtem, im Mut und der Schwierigkeit sich selbst und seinem Publikum Unerwartetes zuzumuten.

Philipp Weiss, mit dessen Auftragsstück Der letzte Mensch in der Regie von Ingrid Lang wir die Saison 2019/20 eröffnen, steht dafür exemplarisch. Sein Stück zwischen Dystopie und Utopie, ein imaginierter Möglichkeitsraum des 21. Jahrhunderts, ist atemberaubend real und riskiert einen Blick in die Zukunft, der erschrickt, da er nichts verdeckt und beschönigt, aber auch das Staunen zulässt und möglich macht.

In diesem Sinne: auf weitere zehn Jahre.

Frederic Lion,
im August 2019